Introducing: Subsphere & der Sommer 2012, Teil I

Ich danke den Göttern des Web 2.0 dass sie auch dem Mann hinterm Mond noch die Möglichkeit offenbaren, sein Innerstes mit potentiell jedem zu teilen (und effektiv eh nur Tagebuch zu führen). ‘Heureka’ habe auch ich da bei mir gedacht und kurze Zeit später mich bereits in der Position befunden, dies auszuschreiben. Aber greifen wir nicht vor: Subsphere versteht sich als Sprachorgan meiner Affektion mit der nicht gänzlich unintelligenten basslastigen Musik und Keule meines Intellekts gleichzeitig, und wird fortan die Errungenschaften und Ausbrüche des Drum & Bass Genres (vorrangig, aber greifen wir nicht vor) preisen und geißeln, je nach Verdienst des Produzenten und bisweilen Laune des Autors.

Wir wollen unsere Reise durch die akustische Galaxis der urbanen Kellerräume, Schlafzimmerstudioerzeugnisse und Ärgernisse über die Wiedergabeunfähigkeit von Achteinhalbmeterwellen über iPodkopfhörer mit einem kurzen Einblick in den Sommer 2012 beginnen: Ach, der Sommer, wo man sich im Schweiße seines Angesichts zwingt, den Urlaub zu genießen (da man ja ohnehin nichts tun könnte), und zwischen der freudig-hämischen Erwartung des Schimpfens auf die Winterkälte und einem lauschigen Mitternachtsspaziergang bei erfrischenden 28 Grad Celsius (immerhin 301,15 Grad Kelvin!) dann doch Zeit findet sich zu wundern, dass selbst diese Knock-Out-Jahreszeit den Produktionsrhythmus weder der modernen Wirtschaft noch der postmodernen Musik stört. ‘Sommerloch war gestern!’ scheint das nicht ganz kapitalismusfreie Motto der Gelsenperiode des vermeintlich letzten Abrissblattes des Mayakalenders zu sein, und ich gestehe: Als ich nach drei Wochen Norwegen wieder im Backofen meiner Großstadt gebettet war, freute ich mich nicht besonders auf die Aufarbeitung dieses noch in meiner Jugend ereignislos gebliebenen musikalischen Zeitraumes. Aber da hatte ich ja schon den Plan gefasst, künftig über die Musik zu schreiben, die mir sogar eine Diplomarbeit wert gewesen (es musste ja mal raus, wieso nicht gleich am Anfang…); und solange sich kein anderes Medium findet, dass meinen sperrigen Barock-Zeilen etwas Druckerschwärze erübrigen möchte, muss wohl die geduldige Bildschirmwelt des digitalen etc…

Den roten Faden gibt es ja eigentlich schon lange nicht mehr, weder in meinen Aufzeichnungen noch in der Welt der twosteplastigen Bassmusik; und während mancher die Postmoderne dahinter vermutet so glauben wir schon eher an die günstige und flächendeckende Verfügbarkeit der notwendigen Hard- und Software und mittlerweile durchweg erstklassiger Samples. Das allgemeine Niveau der musikalischen Produktionen war wohl noch nie so hoch wie heute, die Quote an Eintagsfliegen dementsprechend; dennoch gibt es nach wie vor einige verlässliche Komponenten im Spiel der Frequenzen und Breaks, und einige Namen, die man sich vornehmen sollte zu merken. Noisia, seit Jahren mit der Definition des bereits von Wagner erahnten Begriffs ‘Zukunftsmusik’ beschäftigt wie niemand sonst, haben auch dem verfließenden Sommer ihren Stempel aufgedrückt. Ihre im Frühling erschienene Imperial EP kannte man ja aufgrund etwas übereifriger Publicity ja leider bereits auswendig als sie herauskam; mit dem Remix von Mark Knights Nothing Matters (feat. Skin) beging man nicht den gleichen Fehler, und so wird man sich wohl noch bis in den Herbst hinein an den melancholischen Melodeien und dem kitschigen Poesieverständnis der Skunk Anansie-Frontfrau ergötzen können, bevor einen die Strombässe und butterweichen Perkussiveskapaden der niederländischen Meisterklangschmiede dahinraffen. Nothing Matters setzt ziemlich genau da an, wo einen Could This Be gänzlich elektrisiert und zuweilen hilflos zurückließ, und schneidet wohl das größte sommerliche Gustostück vom akustischen Kuchen der Zukunft ab; da ist es auch egal, dass man in den sechseinhalb gebotenen Minuten Musik eigentlich immer nur dieselben 16 Takte geboten kriegt: Denn man kriegt sie so gut geboten…

Etwas weniger elektrifizierend gestaltet sich der nordholländische Beitrag zur transkontinentalen Kollaborations-EP, der gemeinsam mit den Upbeats produzierte Track Blindfold, der sich eines etwas unfertigen Eindrucks nicht erwehren kann – auch wenn er für fast alle anderen Computermusiker wieder zu einem monumentalen Meisterstück gerät. Auch über die B-Seite besagter EP, die Gridlok und Upbeats-Kollaboration Krypto lässt sich streiten, und die Kontra-Fraktion, die darin vorsteinzeitliche Drums (arrangiert um den immergleichen Break) und zwei unaufregende kurze Themen und that’s it! bemängelt, hat wohl genauso recht wie die Pro-Fraktion (der wir uns anschließen wollen), die sich am Retrosound des Schlagzeugs nicht stört und noch beim hundertsten Durchgang den solistischen Einsatz des B-Themas mit rhythmischem Kopfnicken begleiten muss.

Auch Calyx & Teebee haben den Sommer nicht tatenlos verbracht, wovon ihre im Dienste der Menschlichkeit auch als Instrumentalversionen veröffentlichten Songs Elevate This Sound und Hurting zeugen, mit denen sie eindrucksvoll zeigen, dass ihr Zug nun wieder doch nicht abgefahren ist.  Insbesondere Hurting – hat man erst mal das Intro hinter sich gebracht – kann es mit so manchem Absolventen der New School aufnehmen und setzt etwa da an, wo Spor vor Jahren zähneknirschend die Dornenkrone des Auserwählten liegen ließ (auch wenn die vokale Anlage der Songs mit souliger Männerstimme mehr Nähe zum fütterungsbedürftigen Jon verrät als so manchem lieb ist).

Da wir die Dinosaurierfront nun einmal aufgerissen haben können wir ebensogut einen kleinen Rundgang durch den prähistorischen Audiopark machen: Da wären zum einen die nimmermüden Black Sun Empire, die munter mit ihrem neuen Album touren, ohne dass es bereits jemand gehört hätte, und deren neueste Outputs an verpflichtende Mindesthaltbarkeitsdaten für Bands oder zumindest dezenniale Aktualitätsüberprüfungen für Sounds gemahnen. Und während DJ Hype noch immer Peace, Love & Unity in einer Sprache, die heute kaum einer mehr versteht, proklamiert, postet der ewige Jüngling Ed Rush indessen unermüdlich instagram-Fotos seines Abendessens, und Photek hat nach seinem letzten Mittneunziger-Mixtape hoffentlich lebenslange Soundcloud-Sperre ausgefasst.

Aber die Hoffnung ruht ja ohnehin auf den Schultern der Jugend, und abgesehen von den Ungarn Incident, die mit Haters eine äußerst floppy Nummer abliefern konnten, ruht unsere Hoffnung hier vor allem auf dem gänzlich unprätentiös betitelten Emperor, dem wahrscheinlich talentiertesten  FL-Jongleur unter der englischen Ausschussware, der scheinbar nahtlos an den dreckigen Sound der zweiten Neurofunk-Hochzeit ca. 2009 anschließt und dessen One Chance EneiRemix durchaus zum hörenswertesten der letzten Zeit gehört (und für Hörer der D&B Arena gar den einzigen Lichtblick der – wie man sie später nennen wird – nachdenklichen Phase des immeroptimistischen Kommentators  darstellte). ‘Vertraut ihm’, möchte ich da ausrufen, ‘von einem, der noch die Gonzo spielt, wird euch kein Leid geschehn!’, aber wir haben alle schon Katy Perry in Noisia-Mixes und Rockwells plötzliche Faszination für das Vermeiden von Snaredrums erleben müssen, und ich möchte dann auch nicht die Verantwortung tragen, wenn es den nächsten Engländer in Richtung Four-to-the-Floor umnachtet…

Verlassen kann man sich ja sowieso nur auf die Deutschen, und wenn ich sage die Deutschen dann meine ich eigentlich nur die mittlerweile unter dem Namen Neosignal fusionierten Phace und Misanthrop, die auch im regnerischen Hamburger ‘Sommer’ alles unternehmen, um Kraftwerk ins 24. Jahrhundert zu hieven. Da ist auch der neue Remix der im Original leider nach einfältig-verträumter Verfehlung eines Amon Tobin-Tributs klingenden Rockwell-Nummer Childhood Memories (feat. Kito & Sam Frank) keine Ausnahme: In bereits vom Stigma-Remix bekannter und bewährter Manier fliegen einem hier die Bässe um die Ohren dass es eine wahre Freude ist, die Vocals werden wie bereits im Meisterwerk der Neosignal-Cargo-Series, Progression, durch den Häcksler und zurück gejagt, und über all dem thront eine wahrhaft märchenhafte Kontrolle des Klanges. Sollten die Deutschen Europa nicht retten können, den Drum & Bass doch ganz gewiss.

Mit dieser Entgleisung verweise ich auf den nächsten Blog, in dem wir uns langsam der Gegenwart zuwenden wollen und etwas Form in die Sache bekommen.

Tracklist:

Mark Knight – Nothing Matters (Noisia Remix) (Toolroom Records)

Noisia, The Upbeats – Blindfold (Non Vogue)

Gridlok – The Upbeats – Krypto (Non Vogue)

Calyx & Teebee – Hurting (RAM Records)

Incident – Haters (Disturbed)

Enei – One Chance (Emperor Remix) (Critical Music)

Apex – Gonzo (Lifted Music)

Rockwell – Childhood Memories (Neosignal Remix) (Shogun Audio)

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10 responses to “Introducing: Subsphere & der Sommer 2012, Teil I

  1. was genau verstehst du eigentlich unter einem roten faden in der bassmusik? das lesen deiner texte wirkt da weder formal noch in der sache erhellend, mein herr. und wann genau hat er aufgehört, da zu existieren? less fail, moar content

    • Unter rotem Faden verstehe ich die zumindest im Nachhinein scheinbar linearen Entwicklungen in und um die Musik, die dann im Nachhinein so sinnvoll und ‘eh klar’ aussehen, also z.B. von Prodigy’s Charly zu Sesame’s Treet bzw. dem ganzen Toytown-‘Phänomen’, von Reece’s Pulp Fiction zu allem was sich rhythmisch danach des Twostep-Patterns bediente (ist für mich strittig), von Trace’s Mutant Revisited zu allem, was in der Folgezeit seine Bässe verzerrte, von Ed Rush’s Wormhole Album zu den frühen Noisia, von Bad Company’s Nitrous zu den frühen BSE (z.B. Arrakis), etc.
      Klar gibt’s auch jetzt noch rote Fäden, aber diese zu entwirren ist nun mal schwierig vor einer Kanonbildung und bleibt oft im Sumpfe von Spekulation und Subjektivität stecken (was nicht heißen soll, dass solcherlei Abstammungslinien später weniger subjektiv wären, aber das ist halt Wissenschaft…); und über die Schwierigkeiten in einer vernetzten Welt (wo man sogar das altbackene kulturell-teleologische Symbol des Baumes zugunsten des Rhizoms aufgibt), wo jeder immer mit allem, noch so was wie klare Linien zu finden, muss ich mich wohl nicht extra auslassen.

    • Ich sehe nicht, wie ein Autor, der mehr als 30 Jahre vor der Erfindung des Begriffs gestorben ist, gar soviel damit zu tun haben sollte; aber ich sehe, dass wir unterschiedlichen Definitionen von Postmoderne aufsitzen: Ich benutze den Begriff vorwiegend formalästhetisch, und zu den vordergründigsten Gestaltungsverfahren der heutigen elektronischen Musik zählen nun einmal Pastiche- und Montagetechniken (wenngleich in -wie ich meine- musikalischerer Form als zu Zeiten ihrer Prägung). Auf die weltumspannend-konspirativen Implikationen wollte ich gar nicht raus, aber danke für die Unterstellung. ;)

  2. wie du selbst sagst: “ich sehe nicht, wie”

    du dropst hier rein mit universalen ansprüche an deine texte und geistes-populärwissenschaftlichen anforderungen an deine rezipienten, kriegst aber selbst auf anfrage nicht 1 klaren satz ohne latein und intellektualismen formuliert. nun ja, “jedem das seine” init.

    ich bin aber positiv schockiert, dass du die schwarze zensur-prophezeihung widerlegt hast. geil! bitte weitermachen. find ich trotz (?) dissenz besser als ne “presse”, die meine meinung auf kosten anderer widerspiegelt. danke dafür.

  3. …wenngleich mir nicht entgangen ist, dass du den kommentar mit dem “royal plural” dann doch gekillt hast – diagnose “ego” ;)

  4. und wegen oswald spengler nochmal: das alter eines autors hat primär wenig mit der validität seiner aussagen zu tun. freud und jung dominieren nach wie vor die gesmate psychologie mit ihren konzepten vom unbewussten – die ganze akademia arbeitet jede einzelne neue these an den alten konzepten ab, und das nennt sich GUTE wissenschaft. willste denen das absprechen? ansonsten haste wenig alternativen als den “untergang des abendlandes” doch endlich mal zu lesen. den anspruch, alles zu verstehen, haste ja, das ist ein guter arbeitsansatz imo. und ich versprech dir intellektuellen gewinn davon.

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