Subsphere & der Sommer 2012, Teil II

Im ersten Teil der Abrechnung mit der heißen Jahreszeit, der Pilotausgabe dieses Blogs, ging es ja vor allem um altbekannte Neurofunkathleten und deren jüngste Beiträge zu einer besseren Welt. Im Folgenden wollen wir uns auch den micro-logischen Subbassskulpteuren und weniger apotheosierten Protagonisten zuwenden.

An kaum jemandem dürfte so z.B. die frei nach Hamlet benannte EP Method In The Madness aus dem Hause Dispatch entgangen sein, die neben den federführenden Octane und DLR  mit Break, Gusto und Subterra fünf Artists auf zwei Liedern vereint und als Vorgeschmack für das im September kommende Octane & DLR Album daherkommt. Fünf Producer, da denkt man gleich mal an einen illustren Preset-Flohmarkt, und in der Tat kann man unschwer den klassischen Break-Bass ausmachen, dieses schnurrig aber orientierungsschwach dahingleitende Fuzzmonster, dass sich mühelos in die knackigen Rhythmen und runden, wuchtigen Bässe der Hauptakteure einpasst. Wenn nur nicht immer wieder der akustische Softporno ausbrechen würde – was sich in völlig unmotivierten und deplatzierten ‘Come again’-Stöhnen einer entbehrlichen Diva und immer wieder dreinfahrenden Synthiverfehlungen äußert – wäre die A-Seite Murmur sogar eine richtig fette Nummer. Dass man Break für die zweite Nummer, Red Mist, aussparte, hat ihrer Jugendfreigabe zweifellos nicht geschadet, auch wenn sich dahinter nicht die von Haus- & Hof-MC Gusto verlautbarte ‘whole new art form’ verbirgt und auch der beschworene ‘swarm of locusts’  sich eher als Offbeat-Kopfnicken einiger fetter und bekiffter Insekten ausnimmt (hätte man sich am Ende doch an Ed Rush halten sollen?). Dabei ist offenkundig, dass der Bass, unser Protagonist, sich nicht auskennt. Man wird Zeuge wie er ahnungslos (und doch im Takt) die Schultern hebt zu etwas unbeholfener Merkel-Pose, hilfesuchend die Augen verdreht, sich unter den Tastentönen einer Star Trek-Tastatur hinwegrollt. Irgendwie süß, irgendwie abartig, wie er sogar dem Drop noch aus dem Weg zu  gehen sucht und erst auf die dritte Zählzeit den Kopf ausfährt, wie eine verängstigte Schildkröte. Aber es groovt, und so bleibt Red Mist, bei aller Unentschlossenheit mehr eine Frage des Beats als der Tierliebe.

Auch das neue Enei-Machwerk, das unheimlich straighte und dabei deepe Count To Ten dürfte – wie die Beatport-Chartplatzierung vermuten lässt – kaum an jemandem vorbeigegangen sein. In ihrer Anlage simpel lebt sie nicht zuletzt von dem in einen völlig von der Musik verschiedenen Raum gepackten MC DRS, der sich in gewohnt eloquenter Manier der katharsischen Beschreibung des Rush-Moments verschreibt – was für eine auf chemische Technostabs, orgiastische Chipmunkvocals und Champagnerbrutzeln verzichtende Nummer durchaus bemerkenswert ist. Musikalisch regiert eine fast spartanische Ordnung der Sounds, und geradezu meisterhaft vollführt Enei den Hochseilakt zwischen Durchsichtigkeit und Langeweile, ohne sich eines von beiden zu Schulden kommen zu lassen.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich immer noch RAM Records, die fieberhaft an ihrer Anthologie ‘Music For Your Horror Trip’ arbeiten und dementsprechend neben Xample und Lomax vor allem mit Wilkinson ihre Freude haben, der mit Automatic und Hands Up! zwei zeitlose Klassiker des Rokokofunk abliefert: und wahrlich, man fühlt sich so angenehm in jene Zeit zurückversetzt als Happy Hardcore und Toytown Rave noch keine Schimpfwörter waren, Prodigy das Maß aller Dinge und mehr einfach noch mehr war. Wir können RAM nur viel Glück wünschen, und irgendwann wird diese Zeitmaschine auch funktionieren. Bis dahin tun wir halt so als ob.

Viel Aufsehen wurde in letzter Zeit auch um Chris SU und seine Entdeckung des Pitch-Bends gemacht. Wir können an dieser Stelle verlautbaren: Er hat nicht nur das Rad ganz links an seinem Keyboard entdeckt und angefangen es zu verstellen, er hat auch den Knopf mit der Aufschrift LFO entdeckt und sich furchtlos daran gemacht, ihn zu drehen. Wer das nicht glaubt, dem sei die auf Subtitles erschienene Chris SU-Dokumentationsreihe F.A.T.E. ans Herz gelegt, die – gespickt mit der einen und anderen herzerweichenden Love Story – von seiner schwierigen Dreiecksbeziehung mit einer Sägezahnwelle erzählt.

An dieser Stelle ist wohl wieder der Punkt erreicht, an dem unser Motto ‘Entgleisen lassen und aus der Affäre ziehen’ schlagend wird; aber nicht ohne zuvor in den urbanen Nachthimmel hinauszurufen: Was bleibt vom Sommer? Aber ist das nicht nur wieder so ein scheinheiliger Vorwand, um sich immer und immer wieder dieselben Fragen zu stellen, die uns allen im Herzen brennen und unseren Verstand hilflos zurücklassen? Wie oft z.B. werden Loadstar ihr Lied noch releasen? Werden mit steigendem Dubstep-Einfluss nach den Bässen auch die MCs zu kotzen anfangen? Und natürlich: Ich habe auch ein Pitch-Wheel, wo ist meine Chartplatzierung?

Antworten gibt’s das nächste Mal. Ganz bestimmt.

Tracklist:

Break, DLR , Octane – Murmur (Dispatch Recordings)

Gusto, DLR, Octane, Subterra – Red Mist (Dispatch Recordings)

Enei – Count To Then (Soul:R)

Wilkinson – Automatic / Hands Up! (RAM Records)

Chris SU – F.A.T.E. (Subtitles)

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