2012/35 : Die Nadeln im Heuhaufen

Es ist Montagabend/Dienstagfrüh und wir feiern den Beginn einer neuen, glorreichen Woche für den elektronischen Schlager, wie ich beim Durchhören der neuesten Releases erfahren durfte. In einer Odyssee, einer kleinen Elegie würdig, und immer meinen Dante und sein gelebtes per apera ad astra vor Augen, durchmaß ich trotzdem die klingenden Dungeons und Luftschlösser, immer auf der Suche nach Musik, die ich lieben würde. ‚Wer sein Herz schwer verschenkt, hat‘s nicht leicht im Dschungel‘ lautet schon ein altes Maya-Sprichwort, aber heißt es beim alten Azteken Ian Anderson nicht auch ‚Let’s bungle in the Jungle‘? Dergestalt hin und her gerissen zog ich zittrigen Schritts durch die ganz neue Hörlandschaft der Welt, und habe ein wenig von meiner Reise mitgebracht:

Silent Witness, dessen Verknüpfung von TB 303 Acid Bässen und Breakbeats, Neuro, man sich wieder einmal vor Ohren führen sollte (und der manchem noch vom Wipe Out Fusion ein Begriff sein mag), hat mit Magnetize eine veritable Fusion des Gefühls älterer Phace und Black Sun Empire Alben mit der klangtechnischen Gegenwart des Microfunk geschaffen. Nach einem für Aktenzeichen XY  als Titelmelodie empfohlenen Intro der Klasse ‚Irgendetwas ist hier nicht ok?‘ bricht unvermittelt eine dichte und antreibende Atmosphäre aus geschliffenen Drums herein, die, umspült vom unaufdringlich knarzenden Bass den angetanen Zuhörer sofort in den Moment bringen. Insbesondere der zweite Teil groovt Hölle, und Hitchcock würde seine Autofahrszenen definitiv damit unterlegt haben, wenn er nicht 1980 gestorben wäre.

Die B-Seite Run Time krankt leider etwas an den obszönen Flächenvorstellungen des Produzenten, die hier irgendwo zwischen verstimmtem Akkordeon und Unterwasserengelschor dahin wabern. Vielleicht braucht es aber genau dies um die beiden Drops etwas anzufetten mit dem angenehmen Lösen der Schildkrötenpose, und tatsächlich verbirgt sich hinter Run Time eine trancige Nummer, die zumindest kurzzeitig mit ihrem bohrenden Acid Bass auf solidem Fundament zu überzeugen weiß. Am Ende bleibt von diesem durchaus zum Joggen geeigneten Track vielleicht genau das auch über, an Magnetize sollte aber im Moment kein Weg vorbei führen.

Ebenfalls ganz frisch ist die Distinction EP von Andy Pain und Z Connection. Während –die schlechte Nachricht zuerst- die beiden letzten Tracks Argon und Rancho vorrangig Versuche darstellen, Jugendwerke zu retten (was nicht immer gelingt…), und der Titeltrack auch nicht vollends überzeugt, sind mit den beiden in Kollaboration entstandenen Slush und Bonesnatcher zwei Perlen dabei, letztere ein kleines Meisterwerk der Stereophonie. Das verspielte und deepe Slush lädt mit seinem Half-Time-Feel zu fasziniertem Kopfnicken ein, und während Delays in fremden Räumen faszinieren, muss man fast die Augen etwas zusammen kneifen, um ein wenig von der Coolness, die hier transportiert wird, wieder abzugeben. Bonesnatcher, das Herzstück der EP des St. Petersburger DJ-Duos, entsteht scheinbar völlig aus dem Chaos: Gregorianische Choräle , Hundegebell(?), eine sanfte Bambusflöte, Vogelzwitschern, Sonar-Pings, dazwischen fernöstliche Trommeln und immer wieder ein klassisches Break bilden die so bedeutungsschwangere wie unverständliche WTF?-Umgebung einer Nummer, die, einmal losgelassen, Rockwell zur Ehre gereicht hätte: Über der enormen Walfischwelle des Subbasses wird ein detailverliebtes Feuerwerk an Percussions, weirden Sounds, Hallspielchen und Breaks abgebrannt, das über die gesamte Dauer stets immer noch einen Schritt weiter geht. Der wahrscheinlich von der Vorstellung der seltsamen Ausgangssamples herrührende und somit rein kontextuelle Zusammenhalt zwischen Intro/Mittelteil und eigentlicher Nummer stellt sich leider alles andere als integral dar (um auch mal so einen Satz zu schreiben), die wahnwitzig hohe Informationsdichte dieses Epos aber garantiert Freude, noch lange über den Moment, wo endlich wieder Bass ist hinaus.

Ursprünglich wollte ich auf dieser Stelle noch auf die Sayonara EP von Scinetyc und L33 hinweisen, was mir beim erweiterten Reinhören aber dann doch als Zeichen für die doch karge Ausbeute der Kalenderwoche Nummer 35 klar wurde. Zu sehr erinnert schließlich Scinetycs Sayonara Sukosi Iki an Phaces Reservoir ohne wirklich aufschließen zu können, zu wenig Substanz wird auch mit L33s nicht richtig in Fahrt kommender Nummer Tracer geboten. Wer trotzdem Musik mit japanisch klingendem Titel und Einschlag haben möchte, der höre sich wieder einmal Photeks ich möchte fast sagen Lebenswerk, Ni Ten Ichi Ryu an (oder auch Teebees Remix), oder begebe sich auf eine spannende Internetreise in die himmlischen Sphären des Gagaku, beides lohnt sich.

Tracklist:

Silent Witness – Magnetize / Run Time (Dispatch), Neuro (Urban Underground) – http://soundcloud.com/anttc1/sets/silent-witness-dispatch-61-out/

Andy Pain, Z Connection – Slush / Bonesnatcher (Distinction EP, Extent Recordings) – http://soundcloud.com/extentviprecordings/sets/distinction-ep-by-andy-pain-z-connection-out-now/

Photek – Ni Ten Ichi Ryu (Science) – http://www.youtube.com/watch?v=Tz4f0QCZ76Q

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