2012/36 : Zwischen Remix-Reigen und Polarnacht

   Incipit tragoedia heißt es schon beim größten Schnauzbart des 19.Jahrhunderts, und auch wir wollen unseren heutigen Streifzug mit einer Geburt beginnen, als die sich die selbstverordnete Verjüngungskur der altehrwürdigen Gänsehautschmiede RAM Records tarnt: Beflügelt von entweder Noisias Hit des letzten Jahres oder einem orthografischen Wochenendausflug wurde so mit ProgRam ein neues Imprint von Andy C und seinen Hornchurch-Homies geschaffen, und Frankee (der bei seiner Namensfindung Google offensichtlich nicht bemüht hat) fiel die Ehre zu, die Pilot-EP musikalisch zu gestalten. Eines gleich vorweg: Die Vorsicht, die man für gewöhnlich Releases von RAM gegenüber aufbringt (oder sollte), ist auch bei ProgRam absolut angebracht. Die beiden Tracks Firethorn und Pandorum sind Balanceakte, ersterer eine Art Prototyp der englisch-elektrischen Tanznummer, letzterer ein voluminöser Stepper mit Bohrmaschinenbass und Mitwippautomatik. Doch immer wieder lässt sich Frankee, der bisweilen eher zu wissen scheint wie als was er genau macht, einfach hinreißen zu billigen Breaks (das Boom Boom-Sample im Delay z.B., war das wirklich notwendig?), Barbie-im-Vocoder-Einstreuungen und den RAM nun mal eigenen Vorstellungen von 80erjahre-Soundverträglichkeit – ich selbst fände ja Lasersounds nur noch aus Laserdruckern innovativ. Daneben aber herrscht eine Knackigkeit und Präsenz der Drums, dass es eine wahre Freude ist, und auch das Wechselspiel der Bässe, deren einer sich wie eine aufgescheuchte E-Gitarre katzengleich aufbäumt, bis ihn der äußerst bewegte Sub immer wieder in die Schranken wobbelt, zeugt davon, dass Frankee sein Amt durchaus versteht. Man sollte ihn daher wohl im selben Auge wie den völlig unberechenbaren DJ Fresh behalten: der hatte mit Heavyweight seine Jahrhundertnummer ja schon, während Frankees noch aussteht.

Vom hochglanzpolierten Soundolymp geht’s direkt ab in den dreckigen Techstep-Tartarus, wo mir mit Abort Retry Fail’s Soul Box eine Zeitmaschine in die Hände gefallen ist: ‚ Here is a group trying to accomplish one thing, and that is to get into the future‘ könnte man mit dem Sprachsample von Trace & Nico’s Amtrack sagen, in Wahrheit aber wird hier versucht, den ganzen Ed Rush-Anhang so weit in die Gegenwart zu holen wie’s die Mittel eben zulassen. Dabei gehen die Verfechter des Retro-Techstep (der ja gerade auch z.B. vom Londoner Label Scientific Wax wieder gehörig forciert wird) völlig unumständlich den direkten Weg ins Gehirn (und das gänzlich ohne Ohrwurm-Schleimspur). Die mittlerweile ja fast nostalgische breakbasierte Arbeitsweise garantiert eine gewisse Fülle an Rhythmen, Time-Feels und Schlagzeugsounds überhaupt, aber auch mit anderen Geräuschen wird alles andere als sparsam umgegangen. Zusammengehalten wird das Ganze von einem wunderbar analogen, dezent ausgefransten Bass und einer konstanten Flächenpsychose, die irgendwo zwischen Predator und Arkham Asylum zu beiden Enden des Stereofeldes dem Hörer schon einiges abverlangen kann. Verloren hat dieses Ventil, wie das fragwürdige öffentliche Auftreten der angeblichen Australier nahelegt, im HD-Zeitalter natürlich rein gar nichts. Aber man sagt ja dirt keeps the funk alive.

Ein ähnliches Zeitreiseunterfangen verfolgt auch Urgestein Ray Keith mit seinem neuen Album I Am Renegade, und rein optisch hebt er sich mit dem adrett-nachdenklichen Porträtfoto am Cover schon mal völlig vom Rest ab und reiht sich irgendwo zwischen der Sonny Rollins Anthology und Best of Ravi Shankar ein. Musikalisch hat ihm die knappe Dekade Winterschlaf leider nicht sonderlich gut getan: Die eine Hälfte des Albums kann man getrost sofort vergessen, die andere ist zumindest durch die scheinbar völlige Beliebigkeit, mit der die unterschiedlichen Teile aneinander gestoppelt wurden, einen Hördurchgang wert. Aber auch dieser Pfad zwischen Schadenfreude und Entsetzen löst sich relativ bald in Monotonie auf, und übrig bleibt ein totkomprimiertes etwas, das nicht knistert, sondern knackst, und um das man möglichst einen Bogen machen sollte.

Albenmäßig ist in der letzten Woche ohnehin nicht so viel passiert, sieht man von DRS I Don’t Usually Like MC’s But… ab, auf dem er zwar Kollaborationen mit allerlei namhaftem Personal am Start hat (die Liste reicht von Dub Phizix und Calibre über S.P.Y. zu dBridge und ist da noch nicht aus), mit Ausnahme des zusammen mit Enei entstandenen Count To Ten jedoch unter den Möglichkeiten bleibt (ums sanft zu formulieren). Wer bisher keine MCs mochte, der wird auch von DRS hier nicht eines besseren belehrt werden; über die Qualitäten von Count To Ten aber habe ich mich an dieser Stelle ohnehin schon ausgelassen.

Eine der wahrscheinlich meisterwarteten Veröffentlichungen ist die neue Remix EP Vol.1 von Cause4Concern, die im Laufe der nächsten Monate wohl versuchen werden, sich mit fremdem Schweiß ihr Frühwerk (und mittelprächtiges Spätwerk) wieder auf auflegbar trimmen zu lassen – frei nach dem Motto Was Noisia kann, kann C4C schon lang. Und vielleicht hätten sie es auch den Holländern zum Remixen überlassen sollen, denn unter den vier Auserwählten kann sich nur Hybris einigermaßen behaupten, und das auch nur unter Einsatz all seiner Ninja-Kniffe, die den Scatterbrain-Remix zu einer rhythmisch interessanten Nummer machen, sie aber nicht vom akustischen Schmutz der Entstehungszeit rein waschen können. Der eröffnende Dabs-Remix von Crash Test ist in seiner undefinierten Haudrauf-Attitüde schlicht vollkommen egal,  und dass acht Jahre eine lange Zeit sind musste BTK mit seinem Paranormal Remix einsehen, der zwar bemüht aber letztlich viel zu undefiniert ausfällt. Auch das abschließende Dub Funk in Nocturnals Bearbeitung plätschert nur so dahin und lässt eigentlich jegliche Konturen vermissen. Ich sage es ungern, aber diese Remix-EP ist eine völlig amorphe Angelegenheit, und bietet lediglich einen anderen Blickwinkel auf den steten Niedergang einer ehemals fixen Größe, aber keinerlei neue Perspektiven.

Auch die neuen Remixes aus dem Hause Dutty Records sind wenig epochal: Da wären Octane & DLR’s Remix von Gerra und Stone’s Droneheads, wo sie gewohnt stampfend, dick und verspielt zu Werke gehen,  sich aber trotzdem immer wieder zu durchsichtig und lieblos geben; und Dub Phizix 6th Element-Remix (Original von Judda & Treo), der sich einfach etwas zu sehr auf das synkopierte Drumpattern und den fülligen Sub verlässt –die ja auch ordentlich dahingrooven- und darüber so Lappalien wie Spannungsbogen und Breaks vergisst.

Für einen der größten Soundjongleure der kommenden Jahre halte ich dafür den in Halifax ansässigen Fruity Loops-Jünger Emperor, der dieser Tage mit seinem Remix von Enei’s One Chance hoffentlich einigen Aufruhr erzeugen wird. Wie einst der selige Spor wirft er mit absaufenden Subbässen und knackigen Drums um sich, beschwört immer wieder mal einen nicht anders als creepy zu bezeichnenden Midrange-Dämonen und fährt flugs gekonnt mit einer feinen Fläche ins nächste Break. Emperors knisterndes Werk atmet bereits jetzt jenes belebte Element, dass dem Drum&Bass der letzten Jahre schon gefährlich abhandengekommen war, und in diesem Duktus ist mit One Chance eine großartige Nummer entstanden, die sich in ihrer lebendigen Struktur und organischen Textur nicht sofort erschließt, eine Nummer, die man kennenlernen kann, und dann auch liebhaben.

Und apropos liebhaben: dafür eignet sich auch fürtrefflich die neue Polarstern EP von Dementia, Proktah und dem für den Titeltrack als Verstärkung geholten Deadline, die -gäbe es so eine Rubrik hier- wohl die EP der Woche wäre. Hinter Polarstern steht vor allem einer dieser knurrigen Kuschelbässe, eingepackt in knackig-solide Drums und einem Hauch von Polarnacht-Romantik, und erinnert an die nur leicht pornographischen Tunes von Commix oder auch Break, vermischt mit einer micro-tauglichen Kulisse aus sanften Bleeps (die dezent an die -dem Himmel sei’s geklagt!- noch immer unveröffentlichte MPD von Phace & Noisia gemahnen) und einem Schuss SpectraSoul. Die B-Seite, Cubicles, vermengt dieses vielversprechende Gemisch mit einem straight-forward Groove und -Achtung!- einer Kuhglocke, die absonderlich gut funktioniert. Wer das jetzt nicht glaubt (ich hätte es sicher nicht geglaubt), muss sich wohl oder übel selbst davon überzeugen, und wird am Ende des Tages, wohlig in Bass eingehüllt, die Augen zum Firmamente richten und wissend mit dem Kopf wippen.

Tracklist:

Frankee – Firethorn / Pandorum (Program) – http://soundcloud.com/ramrecords/sets/prgram001-frankee-firethorn/

Abort Retry Fail – Soul Box – http://soundcloud.com/abortretryfail (Inklusive Gratis-Downloads)

Trace & Nico – Amtrack (No U-Turn) – http://www.youtube.com/watch?v=nxl4ImW8aWs

Ray Keith – I Am Renegade (Dread Recordings) – http://soundcloud.com/ray-keith/ray-keith-i-am-renegade

Enei, DRS – Count To Ten (Soul:r) – http://soundcloud.com/dnb-28/drs-featuring-enei-count-to

Cause 4 Concern – Remix EP Vol.1 (C4C Recordings) http://soundcloud.com/cause4concern-recordings/sets/c4c-remix-ep-coming-soon/

Gerra & Stone – Droneheads (Octane & DLR Remix); Judda & Treo – 6th Element (Dub Phizix Remix) (Dutty Audio) – http://soundcloud.com/stholdings/gerra-stone-judda-treo

Enei – One Chance (Emperor Remix, Critical Music) – http://soundcloud.com/the_emperor/enei-one-chance-emperor-remix

Dementia, Proktah, Deadline – Polarstern; Dementia, Proktah –  Cubicles (Fokus Limited) – http://soundcloud.com/dementiadnb/polarstern-ep-proktah-dementia

PS: Wer gerne über diesen Blog informiert werden möchte ist herzlich dazu eingeladen: http://www.facebook.com/Subsphere

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