KOAN Sound : Die Hecke am Ende des Gartens (samt einer kleinen Ausschweifung des Autors)

Bevor ich mich wie angekündigt auf die neue KOAN Sound EP und dessen Anhang stürze, würde ich gern einige Worte zur Kritik verlieren. Unlängst hat man mir nämlich geraten, ich solle meine Sätze auf Subjekt-Prädikat-Beleidigung reduzieren, und dazu würde ich gern Stellung beziehen. Es ist nämlich die große Kritiklosigkeit im Genre der elektronischen Musik, die mich veranlasste, diesen Blog überhaupt anzufangen. Kritik und Drum & Bass stehen zueinander ja schon längere Zeit in einem seltsamen Spannungsverhältnis, so meint Brian Belle-Fortune, der –mir persönlich zu unkritische- Chronist der frühen Jahre: ‚There was a time when Good meant Good but somehow that wasn’t good enough. Along came Bad and Wicked which meant better than Good. Years down the line those terms are inadequate to describe the best tunes or vibes – especially in Jungle Drum & Bass. Things went from Terrible to Horrible, to Nasty, to Sick, to Absolutely Disgusting. Worry not. It’s all Good.‘ (All Crews, S.188) It’s all God, darin liegt zumindest die eine Hundehälfte begraben, die andere aber finden wir im simplen Fehlen einer bewusst musikalisch reflexiven Kultur: und die muss in ihrer Betrachtung nun mal nüchtern, ehrlich und gründlich sein (- es hat ja auch seine Gründe wieso die neue Dreamteam-Kollaboration von Panacea und Counterstrike Free MDMA heißt). Ein Vergleich sei mir dazu noch gestattet: Wenn ich ein Haus baue, und es wird komplett schief und undicht, der Putz bröckelt von den Wänden und das Dach ist leck: dann ist das Haus ganz einfach Scheiße. Natürlich kann man darin noch Party machen, aber seiner Funktion als Haus kommt es nun mal nicht nach. Warum aber sollte ich einem Stück Musik anders begegnen? Klar, Musik bleibt Geschmackssache, aber es gibt doch einiges an ihrer Faktur zu entdecken, dass man nicht nur rein subjektiv fassen kann; Sachen wie Produktion und Feinheiten der Sounds, Struktur, Zusammenhalt der Teile und Innovation. Es lässt sich, nochmal, auch zu David Guetta Party machen; aber darauf aufmerksam zu machen, dass es Alternativen gibt: dazu ist, denke ich, der Kritiker da.

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Als Koan bezeichnet man in der traditionellen Lehre des Zen-Buddhismus (u.a.) ein Rätsel, dass in letzter Instanz die Barrieren des irdisch-logischen Denkens auflösen und zur Erleuchtung führen soll. Auf die Frage ‚Was ist der Dharma-Leib des Buddha?‘ würde ein verständiger Schüler, oft nach jahrelangem Abwägen der Frage, endlich antworten: ‚Der überfahrene Igel im Regen‘, und augenblicklich würden seine ehedem flammenden Augen ruhig vom Feuer des Satori, der Erleuchtung.

‚What ist the sound of one hand clapping?’ ist die Frage, die sich das junge Duo aus Bristol auf die Fahnen ihrer stilistisch einwandfreien Homepage gepinselt hat; die soll uns freilich hier nicht weiter beschäftigen. Schon eher die ganz frische EP, für deren Einbringung in einen designierten Drum&Bass-Blog ich hiermit um Vergebung ansuche: Aber selbst der große Magier Phace hat mit Begeisterung von den Dubstep/Electro House/Whatever-Durchstartern berichtet, da darf auch ich auf Nachsicht hoffen. Und: Es zahlt sich aus, seine musikalischen Erwartungshaltungen hier mal um gute 60 BPM runterzuschrauben. The Adventures of Mr Fox präsentiert die ganze Bandbreite des Koan-Soundspektrums auf äußerst sexy Art und Weise, das wird schon beim Anfangstrack, 80s Fitness, offenkundig: Eingebettet in die wie üblich mit klinischer Präzision eingepassten Bass- & Snaredrumschläge, die gewohnt simpel-mitreißend dahinstapfen, ergießt sich eine zartschmelzende Synthesizersymphonie aus Retro-Hipness in zeitaktuellem Soundgewand. Mitreißend von der ersten Sekunde, dabei dick und vollkommen kontrolliert, zeigen KOAN Sound auch mit Eastern Thug warum sie im Moment ganz vorne dabei sind: Schon alleine, wie sie die Akkorde im umrahmenden Intro/Outro traktieren, sticht weit über die übliche Setzung verträumter Emotions-Kadenzen hinaus und weist einer knallharten und messerscharfen Bassnummer den Weg – und uns, dass man auch Dubstep-Bässe schaffen kann, die nicht zum Würgen animieren. Episch.

Die dritte Nummer, Sly Fox, ist klassische Koan-Kost: Ein flockiges Jazz-Intro geht relativ nahtlos in einen ich möchte fast sagen prototypischen Hauptteil über, der zwar der momentan gefährlichen Häufung von Saxophonen in elektronischer Musik weiter Vorschub leistet, aber die Grenzen des guten Geschmacks nicht überschreitet. Wer Meanwhile In The Future mochte, wird auch Sly Fox mögen, auch wenn es den Vorgänger (behaupte ich mal) nicht ganz erreichen kann. Seinen Abschluss findet die EP mit dem treffend betitelten Introvert, einer gefühlsschwangeren Mischung aus Dubstep-Bässen, noch mehr Saxophonen (jetzt wird’s langsam übel), melancholischen Streichern und einem behutsam glitchigen Percussionkleid über bedeutungsschweren Klavierakkorden. Klingt nach Abspannmusik, führt aber recht passend aus der wilden Party im Fuchsbau heraus.

Was bleibt sind die drei Remixes, von denen eigentlich auch nur einer bleibt, aber der dafür richtig: Das Hamburger Duo Neosignal, die uns ja schon mit dem Stigma-Remix letztes Weihnachten versüßten und damit mehr bewiesen haben, dass sie auch unter 172 Beats Exzellentes leisten können, nahmen sich der Nummer Eastern Thug an – und wir danken es ihnen. Der Remix führt die Entwicklung hin zu größeren Formen fort, die ja spätestens seit dem Meisterwerk Progression offenkundig ist, und erzählt auf den fast fünf Minuten Länge die fernöstliche Legende von den fettesten Bässen, die man je auf geradlinige Taikos geschnallt hat. Und mir zumindest geht es dabei wie dem kleinen Kind, dass dieselbe Geschichte immer und immer wieder hören möchte…

KOAN Sound – The Adventures Of Mr Fox (OWSLA) – http://soundcloud.com/koan-sound/sets/the-adventures-of-mr-fox/

KOAN Sound – Eastern Thug (Neosignal Remix, OWSLA) – http://soundcloud.com/neosignal/koan-sound-eastern-thug-2

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One response to “KOAN Sound : Die Hecke am Ende des Gartens (samt einer kleinen Ausschweifung des Autors)

  1. Bin erst gerade hierüber gestolpert und hab mir im Anschluss an die relativ enthusiastisch klingende Review auch mal die Clips gegeben…naja. Skrillex-Fanboys und Konsorten werden’s mir vielleicht übel nehmen, aber schlicht grausiges Zeugs wie ’80s Fitness’ und ‘Sly Fox’ kann man doch wirklich nur dann ernsthaft gut finden, wenn auch die letzte Geschmacksnerve komplett verkalkt ist ;) ‘Eastern Thug’ dagegen ist schon ganz in Ordnung.
    In der Tat sehr positiv überrascht hat mich aber der Neosignal-Remix. Mit dem stumpfsinnigen, immergleichen Einheitsgew*chse älterer Phace-Tage hat das nicht mehr viel gemein. Das Teil rockt!

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