2012/37 : In Memoriam Charles Babbage (deutsch)

Vielleicht liegt’s am langsam ins Land ziehenden Herbst, vielleicht an der Konstellation der Gestirne, vielleicht an einer plötzlichen Gewogenheit der Götter, oder es ist reiner Zufall: Irgendwas muss aber doch verantwortlich sein für die plötzliche Flut an hervorragenden Releases, die uns die letzte Woche und besonders der heutige Montag bescherten, und die das Perlentauchen in den Schallwellen gar in ein vergnügliches Geschäft verwandelten.

Es war oft nicht ganz einfach, aber ich habe mich im Folgenden trotzdem bemüht, die Auswahl übersichtlich zu halten, und darf für ein Review des neuen Octane & DLR Albums Method in the Madness, dem ich nicht nur auf die Schnelle begegnen wollte, auf morgen verweisen.

Unter der Flut von immerhin 180 Releases allein heute ist mir zuerst die neue Face the Music EP des englischen Trios Dexcell aufgefallen, die mit Timebomb gleich mal problemlos zu Wilkinson’s Moonwalker aufschließen. Bei Track drei, Array (ft. Photon) aber setzen sie zu einem richtigen Höhenflug an: Melodramatische Streicher bahnen einer cinematischen Atmosphäre den Weg, bevor man sich im Schatten von Outer-Space-Bleeps und über simlen aber groovenden Drums daran macht, dem Bass einige Obertöne raus zu kitzeln auf seiner Reise dahin, wo noch nie ein Bass zuvor…  Mit dem abschließenden Decoy legt man auch einen gelungenen Köder für die Dubstep-Gemeinde aus, der bei allem brachialem Abwechslungsreichtum das Pathos nicht scheut. Könnte klappen mit der Konversion, für alle aber mit Mondaffinität gilt: Unbedingt reinhören!

Dexcell – Face the Music EP (Mastermind Ltd) – http://soundcloud.com/dexcell07/sets/dexcell-face-the-music-ep/

Auch die neue EP von Andy Pain & Z Connection bzw. nScape ist durchaus eine Empfehlung wert. Das für die A-Seite, Reptile, verantwortliche Duo hat ja erst vor kurzem mit der Distinction EP von ihrer rhythmischen Finesse überzeugen können, und liefert auch hier eine veritable Auslegung ihres Neurofunk-Credos ab. nScape’s Incursion macht sich derweilen am Unterbauch des geneigten Hörers zu schaffen und umspült ihn mit Monsterwelle um Monsterwelle zwar etwas unaufregend, aber wohlig.

Andy Pain & Z Connection – Reptile / nScape – Incursion (Anodyne Audio) – http://soundcloud.com/anodyne-audio/sets/anodyne002-andy-pain-z/

Die dritte kurze Empfehlung, bevor die ausufernden Lobhudeleien und Schmähorgien wieder ihren Platz erhalten, ist die Interferenz EP des Moskauer Producers und Absolventen der deutschen Neurofunk-Schule älterer Prägung, Thesys. Der Titeltrack lehnt sich dabei an nicht mehr ganz aktuelle Misanthrop-Tracks an und macht seine Sache gar nicht schlecht, die Flipside Lichtgeschwindigkeit versucht genau das, und erreicht auf faszinierende Weise auch ein sehr fokussiertes Fluggefühl. Zum Ausprobieren.

Thesys – Interferenz (T3K) – http://soundcloud.com/t3krecordings/t3k036-thesys-interferenz-clip

Thesys – Lichtgeschwindigkeit (T3K) – http://soundcloud.com/t3krecordings/t3k036-thesys

Es ist ja immer so eine Sache mit der Vorfreude im Drum & Bass: Entweder man hört sich derweilen satt an einer Nummer, oder –noch schlimmer- sie verschwindet für immer in den Untiefen eines Labelrechnerunterordners (letzteres droht ja gerade mit Audio & Meth’s Alone / Grit zu passieren – vielleicht kann jemand Teebee mal dran erinnern?). Manchmal aber geht alles gut, so geschehen mit Mazteks neuer EP, die nach monatelanger Vorlaufzeit endlich seinen Geniestreich Galactica unters Volk bringt. Und das Warten (und die Aggressionstherapie?) hat sich definitiv gelohnt, Galactica ist so funky, hätte sie nicht den charakteristisch-römischen Sound, man müsste einen Vaterschaftstest verlangen. So aber gelangt sie zu einer eindrucksvollen Demonstration wie Neurofunk 2012 klingen kann: Unglaublich voluminös, stampfend wie ein legerer Oger und dabei giocoso und detailverliebt, mit schnurrigen Bässen, schmatzenden Hats und immer wieder einem aufmunterndem Peitschenschlag.

Die B-Seite, Odyssey, kann das leider nicht halten und erschöpft sich in ihrem dreckigen Lamentobass nur allzu schnell, wirkt unfertig und leblos, da gibt’s nicht viel dazu zu sagen. Ist aber, im Angesicht Galacticas, auch ziemlich egal.

Maztek – Galactica / Odyssey (Renegade hardware) – http://soundcloud.com/renegade-hardware/sets/hware22-maztek/

Fragen aufzuwerfen kann ja mitunter eine besondere Qualität von Musik sein. Die Fragen, die der vielleicht prominenteste Release der Woche, Rockwells Childhood Memories, aufwirft, sind dann aber doch etwas spezieller: Was soll das eigentlich sein? Die erste Arie einer Oper der Zukunft? Ein MDMA-Zugeständnis? Einfach ein Stimmungsbild? Oder gar der Beweis, dass auch jemand wie Rockwell an Amon Tobin scheitert? Aber seien wir (diesmal ) nicht so vorschnell zu übersehen, dass Childhood Memories definitiv und konsequent seinen einen eigenen Weg beschreitet. Wohlgemerkt: Die emotionale Überdosis und Kito’s Vocoder-Gesang wollen erst mal verdaut sein, und auch die beiden ‘Drops’ lösen sich schnell wieder in verträumtem Synthesizer-Pizzicato auf; aber es entsteht in den knapp unter vier Minuten trotzdem so etwas wie ein Sog, ein nostalgischer Malstrom,  und ein kurzes Verstehen flackert auf, ungreifbar und flüchtig, aber auch schön in seiner eminenten Vergänglichkeit. Für mich das Schönste an diesem Song ist im Übrigen der Remix von Neosignal (auf diejenigen von Teeth und Metrik wollen wir hier nicht näher eingehen), der dem Original behutsam die gefühlstriefende Pophülle abstreift, es in eine schicke Kraftwerk-Kluft steckt und dann mit den üblichen Bässen der Hausmarke OMG! kräftig durchmassiert. Da macht auch das verzerrte ‚Somebody help me – make me human again‘-Sample von Sam Frank plötzlich Sinn, als Angelpunkt eines weiteren großen Märchens aus dem Hamburger Düsterwald.

Allen, die jetzt schon um Rockwells Status als im Moment vielleicht größten Zeremonienmeister des elektronischen Polyrhythmus fürchten, sei die als fünfte Nummer getarnte eigentliche B-Seite der EP empfohlen, Fluf: Denn dahinter steckt wieder gewohnt konstant komplexer rhythmischer Sound, der ungeachtet des niedrigen Tempos von lediglich 130 BPM und der alles andere als geraden Anlage einen unheimlichen Drive entwickelt. Über dem zähflüssigen Bassmagma führt der behände Londoner Puppenspieler mit nahezu beängstigender Präzision durch seinen Perkussionsdschungel, erschreckt mit einem plötzlichen und bissigen Bass oder einem Break aus dem mitunter etwas dreckigen Nichts und trägt schließlich mit einer samten-metallischen Fläche davon. Meisterlich.

Rockwell ft. Kito & Sam Frank – Childhood Memories (Shogun Audio) Official Video – http://www.youtube.com/watch?v=sO3kZDOnelg

Rockwell – Childhood Memories (Neosignal Remix, Shogun Audio) – http://soundcloud.com/neosignal/rockwell-feat-kito-sam-frank

Rockwell – Fluf (Shogun Audio) – http://www.youtube.com/watch?v=kj21TgeFNVs&list=UUhK_wCJmjHXgGVvTJ5a9vfQ&index=1&feature=plcp

Eine der für mich vordergründigsten Veränderungen, die auftraten, als man das Musikmachen in den Computer verlagerte, ist die Verschiebung des Ansatzes von Feeling zu Kontrolle. Nicht, dass man die beiden so rigoros voneinander trennen könnte, aber Feeling ohne Kontrolle war jahrelang kein Problem – Kontrolle ohne Feeling aber erscheint mir leblos und fragwürdig. (Ich darf an dieser Stelle dazu einladen, sich ein beliebiges Lied z.B. der Rolling Stones zu Gemüte zu führen, das sollte einiges klarer machen). Es ist zwar etwas scheinbar sehr verschiedenes, einen Akkord zu zupfen, oder zu versuchen, einer periodischen elektrischen Schwingung Leben einzuhauchen (was definitiv mehr Demiurgen-Faktor hat), das Outcome aber ist in beiden Fällen Musik. Da Skrillex aber, selbst wenn er seinen Mac nach jedem Set in einem Anfall von anachronistischer Umnachtung zerstören sollte, dadurch niemals zu Hendrix wird, ist es wohl an der Zeit, sich mit den veränderten Rahmenbedingungen zu arrangieren. Heißt auf Deutsch: Die totale Kontrolle wahrzunehmen als absolute Möglichkeit, und darüber neue Wege zu neuem Feeling beschreiten. – ‚Wozu diese sperrige Erklärung?‘ mag mancher nun einwerfen, aber ich bin über ein diesen Ansatz verfolgendes Meisterwerk gestoßen und möchte es nicht auf unbeackerten Boden stellen. Es handelt sich dabei um die Stop Motion EP des spanischen Producers, DJs und Informationsfetischisten Larrge (man beachte die orthographische Implementierung des rollenden rrrr), die ungeachtet aller Konkurrenz die Auszeichnung EP der Woche bekäme (sie wird ja nicht vergeben).  Der Titel ist im Übrigen Programm, Larrge serviert ein bis in die letzte Faser strukturiertes 4-Track-Menü aus micro-biologischer Funkkost auf die Plattenteller, dass selbst Richard Wagner wohl ob eines dergestalt durchkomponierten Opus seinen Hut gezogen hätte. Ich möchte an dieser Stelle (und nach all den Strapazen, die der geneigte Leser bisher auf sich genommen) auch gar keine Nummer mehr in den Vordergrund rücken, zumal sie alle mit ähnlicher Brillanz verfertigt sind, und von einem komplexen Gefühl durchdrungen, wie man es auf diesem Niveau nur von Computermusik und ihrer totalen Kontrolle noch der letzten Millisekunde haben kann (- und vielleicht von ein paar indischen Tablaspielern, aber die klingen wieder ganz anders). Dafür aber sollten wir nicht zuletzt Charles Babbage zumindest in Gedanken einmal Danke sagen!

Rolling Stones – Get Off Of My Cloud  (Decca) – http://www.youtube.com/watch?v=jgWUi-ozMAU

Larrge – Stop Motion EP (Icarus Audio) – http://soundcloud.com/larrge/sets/stop-motion-ep-icarus-audio/

Nie mehr einen dieser langen Artikel verpassen: http://www.facebook.com/Subsphere

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s