Octane & DLR – Though this be madness, yet there is method in’t (deutsch)

‘This above all; to thine ownself be true.’ rät Polonius seinem Sohn Laertes, und auch dieses Proverbium haben sich die klassisch gebildeten Gentlemen Christopher Octane Pearson und J Dirty Le Roi aus ihrem Hamlet zu Herzen genommen. Ihr neues Album Method in the Madness ist wieder einmal ein hervorragender Beweis, dass die beiden psychoakustischen Innenarchitekten ganz genau wissen, was sie tun, und ist wiedereins gespickt mit knackigen Drums, crispy Hats, unwahrscheinlich konsistenten Bässen und besticht nicht zuletzt durch eine überragende Auswahl an angenehm creepy Geräuschen, die durch ihre melodische aber zugleich entrückte Setzung wesentlich zur ganz speziellen Madness-Klaglandschaft beitragen. Aber die Methode reicht weiter als man glauben möchte, und so wagt sich das Duo aus Leeds unter voller Ausnutzung der Möglichkeiten eines Albums auch auf weniger bekanntes Terrain, und zuweilen dünnes Eis.

And let me speak to th’ yet unknowing world,
How these things came about. So shall you hear
Of carnal, bloody, and unnatural acts,
Of accidental judgements, casual slaughter,
Of deaths put on by cunning, and forc’d cause,
And in this upshot, purposes mistook,
Fall’n on in the inventors’ heads. All this can I
Truly deliver.

Den Anfang des Albums bilden die bereits vor zwei Wochen als Teaser releasten Nummern Murmur (feat. Break) und Red Mist VIP (feat. Subterra & Gusto), die ich damals schon kurz besprochen habe, und die –mit einer Ausnahme- einen formidablen Einstieg bilden. Die Ausnahme bildet die Physiognomie des menschlichen Hörens, welches bekanntermaßen nicht linear verläuft, d.h. unterschiedliche Frequenzen werden bei exakt gleicher Lautstärke als unterschiedlich laut wahrgenommen. Wie Fletcher-Munson bereits 1933 feststellte, ist das menschliche Gehör auf Sprachverständlichkeit getrimmt, weshalb die dafür wichtigen Frequenzen lauter wahrgenommen werden als z.B. Subbässe. Dass man -um nun wieder zum Öffnungstrack zurückzukehren- zu sinnleeren Diva-Vocals unterschiedliche Meinungen haben kann, mag sein; dass man aber eine körperliche (Schmerz-)Grenze notwendig überschreitet, wenn man diese Vocals ganz einfach zu laut ins Stück einpasst und dann im Club auf die Masse loslässt, dürfte auch dem letzten Chipmunk-Fan einleuchten. Da das auch bei der zweiten Break-Beteiligung passiert ist, darf ich annehmen in ihm den Schuldigen gefunden zu haben, aber

It is not, nor it cannot come to good.
But b r e a k my heart, for I must hold my tongue.

Abgesehen von dieser Unstimmigkeit aber gibts die ersten drei Nummern nichts zu bemängeln, super funky und dick geht’s munter dahin. Bei Breakthrough allerdings stellt sich dann der erste Album-Moment ein, und ich gebe zu, beim ersten Anhören klang es für mich nach dem Versuch, mit dem ‚be open-minded‘-Sprachsample sich selbst und einiges folgende zu rechtfertigen. Aber -und auch dies letztlich eine der Stärken des Albums- bei den weiteren Durchgängen erschloss sich Breakthrough immer mehr als fein gesponnener Downtempo-Ausritt, und bald konnte ich sogar dem abschließenden Jazzgitarrensolo etwas abgewinnen. Definitiv eines der Lieder für die man Alben braucht. Auch das anschließende Clarity (feat. Kemo) ist mehr oder minder ungewohnte Kost, verbirgt sich doch dahinter ein düsterer HipHop-Track, dem vielleicht ein wenig mehr Text und weniger Wiederholungen gut getan hätten, wenngleich durch die vermeintliche Monotonie des dabei sehr vielschichtigen Konstrukts der Aussage vielleicht erst ihre Wirkungsmacht beschert wird. Let Me Go (feat. Marion) beschließt das Ausreißer-Dreigespann, und würde für mich am ehesten mit dem -zugegeben seltsamen- Attribut ‚peppig‘ umschrieben, handelt es sich doch um einen etwas seltsamen Vertreter der seltenen Gattung des Neurojazz, der mit swingendem Instrumentarium (Achtung: Saxofon!) über einen leichtfüßigen Vamp dahinfährt und vor allem von Marions angenehmer Stimme und bedeutungsleerem Text getragen wird. Zweifellos wieder ein Album-Fall, aber warum nicht?

Mit Set Up The Set (feat. Script) verfallen Octane & Kollege DLR wieder in alte Verhaltensweisen: Stampfender Rhythmus, unglaublich fetter Bass und tonnenweise psychotische Sounds, ergänzt um einen selbstreflexiver ‚MC‘ der mir unweigerlich den Mondmann aus der genial-absurden Mighty Boosh-Serie vor Augen führt: Set Up The Set zählt gewiss zu den wahnsinnigen Höhepunkten des Albums und überragt das nette aber gefahrlose Stick & Move (feat. MC Fokus) um Längen.

Bad Touch (feat. Seemore Productions) wiederum erinnert an die Tracks des Split The Atom-Albums, mit denen Noisia uns letztlich doch von ihrer Sterblichkeit überzeugten (-sehr zur Erleichterung einiger Produzenten, die ich hier nicht näher nennen möchte), und ist als dreiminütiges Interludium auf einem fast eineinhalbstündigen Album eigentlich genauso wenig notwendig wie das folgende Show Me (feat. EBK), das sich solide aber unaufregend in düsteren Soundkulissen erschöpft und eher an die Zeit der Downbeat-Energiekrise erinnert, als zum gegenwärtigen Musikgebilde beizutragen.

Cometh The Horde ist wieder vorrangig Madness, braucht zwar etwas Zeit um richtig in Fahrt zu kommen, offenbart dann aber ein perkussiven Derwischtanz allererster Güte; das famose Rawness (feat. Cern) besticht durch die unheimlich stimmige ‚Melodieführung‘ (d.h. Verknüpfung der Sounds und Geräusche) und ist ein weiterer ein Anwärter auf den besten Song. Bleiben die äußerst unterhaltsame Drumstep(?)-Nummer Turn Over The Page (Cymatic Mix), das funky Weird Science, ein Break-Remix von Let Me Go mit zu lauten Vocals und -je nach Version- die Bonustracks (in der digitalen Variante zwei an der Zahl), von denen man sich zumindest Giddy Kipper (feat. Linden & Quantum Soul) auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Fazit: Method in the Madness ist ein großartiges Album mit enormem Replayfaktor. Zwar hält es nicht immer das zumeist hohe Niveau, aber das lässt sich auch unter Spannungskurve subsumieren. Wirkliche Ausfälle sind eigentlich nicht zu verbuchen, und mit 17 Nummern (inkl. Bonustracks) und einer Laufzeit von knapp unter eineinhalb Stunden bekommt man auch quantitativ mehr geboten, als man überhaupt erhoffen dürfte. Octane & DLR zementieren ihre Stellung an vorderster Geräuschfront überzeugend, und geben uns auf lange Zeit einiges zu entdecken. Der Rest – ist dann wohl Schweigen.

Octane & DLR – Method in the Madness (Dispatch Recordings) – http://soundcloud.com/octane-dlr/tracks

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