2012/39 (I) : Von Dornen und Knospen

Als ich heute frühmorgens mich noch halb schlafend in zurückgelehnter Pose auf dem -zugegeben- recht komfortablen Stuhl meines Zahnarztes zurücklehnte, und, halb aus meiner Mundhöhle und halb über die knöcherne Verbindung meines Schädelknochens, das beißende Geräusch des Bohrers mir meine zu spät gekommenen Träume vermieste, da musste ich plötzlich an Camo & Krooked denken. Beseelt mit jenem dumpfen, amorphen Gefühl des simplen aber doch vollständigen Unverständnisses malte ich mir meine heutige Reise in die Welt der Dornenbüsche aus, dachte an die Kratzer und Risse, die die Frequenzen wieder meiner armen Seele zufügen würden, an die meiner harrenden Hinterhalte und unliebsamen Überrumpelungen. Zurückgekehrt aus der seltsamen Welt der sterilen Gerüche, ein Stoßgebet auf den brennenden Lippen, begab ich mich dann trotzdem wieder hinein in den Dschungel, und siehe da!, umrankt von Glitchpop und Beta-Stadien, eingekerkert zwischen Feelgoodschund und Musik für passionierte Panzerfahrer, schimmerte wieder die eine oder andere Blüte durch. Ich brach sie sanft, und wusste: es ist doch ein Gott in den Dornen.

Zum Einstand in der Kategorie Neurofunk to go möchte ich heute auf eine Nummer hinweisen, die eigentlich schon im Mai an den meisten vorbeigegangen sein dürfte, und auf dem Schlagzeug und Bass Sampler Nummer 2 aus dem Hause Faders United gerade ihren zweiten Einstand feiert: Shinobi vom russischen Producer Neoside. Repetitiv-hypnotisch und mit einer guten Portion Dirt kennt dieses in Musik gegossene Stück Energie nur eine Richtung – vorwärts. Mal brutal, techy und straight, dann wieder marschierend in industriell-kühler Façon; jedenfalls aber fett, erhält der Neuroninja eine besondere Note durch die auftaktweis behutsam gequetschte Katze (-wird beim Hören klarer). Das Sprach-Sample suggeriert es zwar schon, aber wir wollen es mal so stehen lassen: Impressive.

Neoside – Shinobi (Histeria Records / Faders United) – http://soundcloud.com/neoside/neoside-shinobi

Mit teilweise etwas billigen Flächenklängen wollen indessen Pageant und PC Project davon ablenken, dass sich auf ihrer brüderlich geteilten Unconscious EP in Wahrheit ganz feiner Sound verbirgt. Der trickreiche Pageant gibt sich auf seinen zwei Beiträgen dabei knackig und dick, und rollt insbesondere auf Next einen kuscheligen und einnehmenden Bassteppich aus. Der listenreiche PC Project, zweifellos der bestimmtere von beiden, treibt dann auf der zweiten Hälfte der EP mit seinen unerbittlichen Drums und ausladenden Soundeskapaden die Meute vor sich her. Leider verstecken sich die beiden nicht nur hinter einer manchmal aufkommenden geräuschtexturellen Beliebigkeit, sie sind leider auch völlig internetscheu und haben sich folgerichtig ein Label gesucht, das sich auf keiner der etablierten Plattformen präsentiert. Schade drum.

Pageant, PC Project – Unconscious EP (Mind Outside Recordings) – http://www.beatport.com/release/unconscious-ep/971162

Wenn Lomax eine dunkle Seite hätte (-mal angenommen), dann würde sie vielleicht so ähnlich klingen wie die neue EP des Atheners Insom, die das Fehlen der Auszeichnung zur EP der Woche erst richtig schmerzhaft macht. Denn Insom macht auf den drei Nummern Lift Up, Downgrade und Disguise mit aller Bestimmtheit klar, dass er genau weiß, wann was wie zu geschehen hat. Keinen Ton zuviel, kein Break zuwenig wird man auf dieser elektrifizierenden EP finden, die auch emotionsmäßig immer wieder gerade um jene Haaresbreite am Kitsch vorbeischrammt, die den tollkühnen Navigator als hervorragenden Kunstflieger ausweist. Allen drei Tracks ist überdies eine wahnwitzige Grooveneigung eigen, und auch die melodische Arbeit des vielleicht strukturiertesten Griechen spricht für sich. Dass die Bässe im Übrigen fett sind und die Drums herzhaft ihrem Tanz ergeben sei noch der Vollständigkeit halber erwähnt; ich empfehle jedenfalls ernstlich, sich diese EP anzueignen.

Insom – Lift Up / Downgrade / Disguise (Ammunition Recordings) – http://soundcloud.com/insomud/sets/insom-lift-up/

Auch vom ewig im Black Metal-Disput befindlichen Mayhem gibt es wieder neues, feines Material: Diesmal hat sich der nimmermüde Tausendsassa mit Logam im Studio einquartiert und uns mit Ouroborus und Centuria zwei angenehme Vibes mitgebracht, die sich auf ihrem runden, viskosen Bassfundament zwar nicht als Informationsschleudern erweisen, aber dennoch prädestiniert sind für die eine oder andere wohlige Einnebelung des Subbedürftigen. Und gerade wenn es wieder Winter wird, kann man ja kaum genug wärmende Frequenzen um sich scharen…

Mayhem, Logam – Ouroborus / Centuria (Santoku Records) – http://soundcloud.com/santoku-records/sets/ouroborus-sanw002/

Die vermutlich ‚größte‘ Veröffentlichung des Tages ist freilich der neue Symmetry Sampler The Other Side, wiewohl nicht ganz klar wird, welche Seite hier gemeint ist. Als Breaks Haus- und Hoflabel ist der für mich zwiespältigste Soundschrauber natürlich gleich mehrfach mit dabei, und drückt seinen immer überzeugenden Fundamenten von immer herausragender Knackigkeit fast ausnahmslos den Stempel seines vokalen Fetisches auf. Und ich gebe zu: es macht mich wahnsinnig, noch den dunkelsten Vibe und bissigsten Bass von einer völlig dekontextualisierten Frauenstimme konterkariert zu hören, zumal Break aus produktionstechnischer Hinsicht nun mal wenig Wünsche offen lässt. Aber sei’s wie’s sei, dieser Habitus verdirbt mir jedenfalls das Vorspiel Love So True, das auch mit seinem poppigen Jazz-Interlude und dem Delay-Inzident zu Beginn der Reprise einige Augenbrauen halbseitig in die Höhe schnellen machen wird. Ähnlich verhält es sich mit dem pornographischen Totalausfall Who We Are, der sein an und für sich adrettes Kleid aus 80er-Reminiszenzen vollends kaputtstöhnt. Die dritte Break Solo-Nummer, Kicked To Death, verzichtet zwar größtenteils auf Kitsch, kann aber im Ganzen trotzdem nicht mit den Kollaborationen mit Octane & DLR (Power Down, mit Ausnahme des Mittelteils sehr gelungen, aber Achtung: Saxofon-Duett!), und dem stilsicheren Silent Witness (gerade in der Form seines Lebens) mithalten. Letzterer Konstellation verdanken wir das wunderbar verspielte The Hills Have Ears, den vielleicht besten Track des Albums, wenngleich die restlichen der insgesamt 12 Tracks diesem um wenig nachstehen. Insbesondere das Vierergespann Hydro, Mako, Fields und Villem sticht mit ihrer Gutenachtgeschichte für böse Bässe, Dissolve, aus dem sonstigen Teilnehmerfeld um Code 3, Ulterior Motive, Prolix und Xtrah heraus. Insgesamt werden hier recht erlesene Vibes geboten, und wer bei Titanic geweint hat wird auch hier feuchte Augen kriegen; der Rest jedoch sollte sich dieser Compilation mit Vorsicht nähern: zu viele Meisterwerke gehen hier vor den eigenen Ohren unter. Nähern aber sollte man sich ihr auf alle Fälle.

Break, Code 3, DLR, Eastcolors, Fields, Hydro, Mako, Mikal, Need for Mirrors, Octane, Prolix, Silent Witness, Ulterior Motive, Villem, Xtrah – The Other Side (Symmetry Recordings) – http://soundcloud.com/symmetry-recordings/sets/break-presents-the-other-side/

Neben der Kollaboration mit Code 3, Yeti (auf obigem Sampler), haben James Davidson und Greg Hepworth alias Ulterior Motive dieser Tage auch eine eigene EP veröffentlicht, die sie -dem Titel Versus entsprechend- auf jedem der vier Tracks einem anderen Kollaborationspartner entgegenstellt. Und so verschieden wie diese sind auch die Resultate: Das wohl aus vokal-kommerziellem Kalkül an die erste Stelle gerückte Cartharsis (ft. Lenzman) ist eine mitunter etwas planlos verlaufende, ansonsten angenehm bissige Nummer, die dann doch etwas im Mittelmaß versinkt und viel Spielraum nach oben lässt. Diesen zu füllen schickt sich dann der gemäß seines Arbeitspensums zumindest achtarmige Evan Vischi an, besser bekannt aus seinen wöchentlichen Werken unter dem Motto wie Alias Hybris, und mit uhrwerksgemäßer Regelmäßigkeit hier wegen seiner kompositorischen Raffinesse einer mittelschweren Apotheose unterzogen. Und ja, was soll ich sagen, Bring Out ist wiedereins ein rhythmisches Meisterwerk, ein strukturelles Paradebeispiel, ein ästhetischer multipler Orgasmus, ein Vier-Hauben-Soundschmaus, und dabei gänzlich unprätentiös in Hybris typischem Stile, der nicht schreit und doch so viel beredter ist als all die lautstarken und schillernden Klangergüsse, die nun mal den Äther bevölkern. ‚You bring out the best in me‘ haucht die erste Stimme des Tages, die ich gerne verzeihe, und das fruchtbare Trio quetscht das Beste aus der fusionierten Macht ihrer CPUs: Danke für diese Nummer.

Die als Part 2 releasten Kollabs mit FD und Krakota haben jetzt nach sowohl Lobeshymne als auch Track selbst nur scheinbar einen schweren Stand, denn sowohl Drum Circle (mit einer etwas chaotischen aber charakteristischen Neigung zu Kuhglocken) als auch Minesweeper verdichten das rhythmische Geflecht zu einem immens treibenden Groove, in dessen Netz man sich verfangen muss, und halten mit ihrer bassigen Bissigkeit und zwingenden Breaks auf die volle Distanz ganz fürtrefflich bei Laune. Zwar muss man sich für diese EP aus Gründen einer seltsamen Exklusivität bis in den Subtitles Store bei Surus vorwagen, aber diese Reise zahlt sich definitiv aus.

Ulterior Motive, Lenzman, Hybris, FD, Krakota – Versus EP Pt. 1 & 2 (Subbtitles Music)

Cartharsis / Bring Outhttp://soundcloud.com/stholdings/ulterior-motive-versus-ep-part

Drum Circlehttp://soundcloud.com/surus/ulterior-motive-fd-drum-circle

Minesweeperhttp://soundcloud.com/dnb-48/ulterior-motive-krakota

Wöchentliches Musik Update: http://www.facebook.com/Subsphere

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