2012/39 (II) : Die Selbstentzündung der Skeptiker

Es gibt ja die überaus sinnvolle Praxis, neue Tunes am Montag rauszubringen, um so den beflissenen DJs ein paar Tage Zeit zu lassen, neue Nummern kennenzulernen und -nach reiflichem Abwägen- in ihr Set einzubauen. Und dann gibt es Releases, die zumindest vorgeben, dass an ihnen gar nichts abzuwägen sei, um sich am Freitag frisch aus den Stores unters Publikum zu mischen. Damit aber auch nichts schiefgeht mit der neuen Musik, ist es wohl an der Zeit, eine zweite wöchentliche, völlig außerordentliche Subsphere-Sitzung einzuberufen. Außerdem kommt am kommenden Montag so viel neues feines Zeug raus, dass es keinem Leser zuzumuten wäre, meine Ausformungen zu Beginn der nächsten Woche in toto zu lesen.

Bereits ganz unauffällig am Dienstag rausgekommen ist die Skepticism EP des tschechischen DJs und Produzenten Tom SMall. Das große M steht dabei scheinbar für Microfunk, denn geboten werden 3 äußerst deepe Tracks und ein leicht neurologisch anmutender Remix von Psyek, die in stilsicherem Minimalismus ihre Weltraumbasskonstrukte und glasklaren Druminstallationen dem vermeintlichen Laid-Back-Feeling zum Trotz immer weiter fortspinnen, und so eine Dichte erzeugen, die man ihnen ob der Übersichtlichkeit des Materials gar nicht zutrauen würde. Alle, die auf die barocken Frequenzkulissen unserer überladenen Zeit gerne verzichten können, sind dazu eingeladen und aufgefordert, diese EP nicht in der Versenkung verschwinden zu lassen.

Tom SMall – Skepticism EP (Deafmuted Records) – http://soundcloud.com/tom-small/sets/deafmuted-recs/

Der zweite Themenschwerpunkt unserer heutigen Sondersitzung ist die überaus interessante Relics 2 EP von  Indidjinous und einigen seiner Studio-Kollegen, die ich hier jedoch nicht ohne Vorbehalte empfehlen kann. Wer aber mal so richtig verwirrt werden möchte -und das nicht unangenehm, sich todesmutig in einen wahren Dschungel an Geräuschen hereinwagen will, und auch nichts gegen eine Jungle-gemäße Soundästhetik hat, der wird auf den 6 Tracks inmitten seltsam repetitiver, ausgefranster Bässe, umgeben von psychotischen Hallräumen und immer wieder einem nostalgischen Momente ganz sicher auf seine Kosten kommen.

Indidjinous, CJ Weaver, Ibunshi, Noistekk – Relics 2 (Omni Music) – http://soundcloud.com/eschatonmusic/indidjinous-relics-volume-2

Was mit verhallten Becken auf Tanpura-Rudmenten in reichlich merkwürdigen Sphären beginnt, muss nicht notwendig Meditationsmusik sein: Es könnte sich auch um Emperors neuesten Beitrag zur Weltrettung und Raveoptimierung handeln. Den Unterschied erkennt man daran, wie man sich nach den ersten 45 Sekunden verhält – liegen Trance oder Tiefschlaf nicht mehr ferne, hat man den neuen Neodigital Output wohl doch mit der neuen Music for Cats and Friends, Vol.5 verwechselt; findet man sich aber wild durch Zimmer, Straßenbahn oder Club springend wieder, so hat man es doch mit The Fire zu tun, einer gefährlich leichtentzündlichen Nummer, deren Funke so abrupt wie einnehmend überschlägt. Hat man dem Imperator aus dem englischen Halifax bislang eine gewisse Reserviertheit unterstellen können, so legt er mit seinem neuesten Mach(t)werk alle Scheu ab und fährt ein in jeder Hinsicht kompromissloses Programm: geradlinig und gebreakt was den Groove angeht (er bedient sich einer tatsächlich neuen und interessanten Hybridformel aus Gabba-Drängen und Noisia-Feilen), mit dem knurrigen Bass unverhohlen im Mittelpunkt einer der belebtesten, organischsten Klanglandschaften der Gegenwart, die vom Anfang bis Ende ihrem feurigem Namen alle Ehre macht.

Etwas beherrschter (oder reservierter) gestaltet sich dabei die B-Seite, die -in aller Konsequenz Smokescreen betitelt- eher an die Monolithe der Vergangenheit als den Großbrand der Flipside denken lässt. Dennoch weiß der Track mit seiner zweitaktigen Anlage und rekursiven ‚Funk‘-Einsprengseln durchaus zu gefallen: ja, Smokescreen ist funky, und auch von jener imperialen geräuschlichen Verrücktheit durchdrungen, die z.B. ein Didgeridoo erfolgreich ins Neurofunkgewand stecken kann, ohne auf ethnologisches Kopfschütteln zu stoßen. Dass die Nummer für mich trotzdem hinter The Fire zurückbleibt, liegt an der doch mitunter auftretenden Monotonie, die das stete Anhören von doch nur zwei Takten mitunter auslösen kann; da hilft auch die viele Detailarbeit und Liebe nicht immer. Aber auch wenn sich auf dieser EP tatsächlich nur eineinhalb Meisterwerke befinden, zählt sie immer noch zum Besten, was man kriegen kann, und untermauert Emperors Stellung als Zukuntfshoffnung des basslastigen Universums.

Emperor – The Fire / Smokescreen (Neodigital) – http://soundcloud.com/neosignal/sets/ndgtl004/

Music for Cats & Friends – http://www.petsandmusic.com/

Manchmal ein zweites wöchentliches Update: http://www.facebook.com/Subsphere

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