Black Sun Empire – Vom Schatten in die Traufe

Alle Jahre wieder kommt ein neues Black Sun Empire Album, und wie bei Weihnachten freut man sich drauf und wird doch meistens nicht ganz zufrieden gestellt. Um es kurz und schmerzhaft vorwegzunehmen: From The Shadows hat seine Momente. Mehr aber auch nicht.

Die je nach Version Ansammlung von 12 bis 28 Tracks (wobei die digitale Megakompilation einiges altes Material in nicht ganz schlüssiger Auswahl vereint) beginnt -ganz klar- mit der Kollaboration mit Noisia, Feed the Machine, einem der Highlights des Albums. Deutlich geprägt von den Ausnahmefähigkeiten der mit Abstand feinsten Soundschmiede, verbirgt sich dahinter eine wahnsinnig energetische und trancige Haudraufnummer, mit der nötigen, Noisia-gemäßen Fülle an Abwechslung und einem Druckpegel, der jeden Staudamm vor Neid erblassen ließe. Damit sind auch die beiden Hauptfacetten des nunmehr fünften Albums der Niederländer aufgeführt: fröhliche Kettensägenmassakeruntermalung einerseits und ravegemäße Hypnotisierungsversuche auf der anderen, die vor allem von den wie immer hervorragend unheimlichen Flächen leben. Die auf Lights & Wires eingeschlagene Richtung wird eher in Soundhinsicht weitergeführt, Dubstep z.B. sucht man hier vergebens. Mit diesem Wissen und Noisia im Rücken kann man freilich nur wünschen, dass es so weiterginge.
Die anschließende Nummer Salvador (feat. Bless), ist deutliches Zeichen der Rückbesinnung auf alte Werte, was die Ähnlichkeit der Basslinie mit Dom & Rolands Mammoth Hunt unterstreicht, auch wenn sie im Ansatz stecken bleibt und über leichtes Tweaking nie hinauskommt. Aber wie so oft bei BSE  ist es nicht der Bass, der es ausmacht, sondern das, was weit darüber passiert. Und der fortgeschrittene Verstörungsgrad der Geräuschebene macht auch Salvador zu einer durchwegs gelungenen Nummer.

Der meiner Ansicht nach beste Song des Albums ist im Übrigen die Zusammenarbeit mit Rido, Thunderbolt. Denn dieser Track schafft, was bei vielen anderen ohne großen Erfolg versucht wird, nämlich die drei Töne der äußerst engen BSE-Klaviatur so zu koordinieren, das noch etwas Neues dabei rauskommt. Thunderbolt ist -entgegen der Tendenz des Albums- recht breakreich, und durchwegs detailliert und spannend, und damit eine der herausragenden Nummern, die nicht nur ein Tanz-, sondern auch ein Hörerlebnis darstellen.
Leider ist das mit der Neuerfindung des Trichords nicht immer so gut gegangen: So dürften jedem halbwegs mit dem Werk von BSE Vertrauten sofort etwa ein Dutzend Tracks einfallen, die wie Tripel (feat. State of Mind) klingen; genauso altbacken und mitunter bemüht sind auch Descent und die rockigen Drizzle (feat. Audio) und Homage (feat. N.Phect): Alles Nummern, die vor 10 Jahren wahrscheinlich Hits gewesen wären, für die Gegenwart aber zu sehr am Versuch leiden, eine zeitgemäße, saubere Produktion zu haben, und das auf Kosten des einiges an Fett ausmachenden, charakteristischen Dirt (-ein Problem vieler älterer Acts wie ich glaube). Auch Dawn Of A Dark Day (feat. Foreign Beggars) reiht sich als netter, aber eben nicht ganz ausgefeilter Track in diese Aufzählung ein, und wirft ganz nebenbei die Frage auf, wie viele Lieder die Foreign Beggars eigentlich noch mit ‚Yeah, yeah!‘ beginnen werden (und wieviele Variationen der Akte X Titelmelodie BSE noch auf Lager haben).

Um aber auch die Augen vor dem Abgrund nicht zu verschließen, wollen wir auch einen kurzen kritischen Blick auf die Schattenseiten des Albums werfen: dort finden wir hinter dem programmatischen Titel All Is Lost (feat. Thomas Oliver & Youthstar) die wahrscheinlich schwerverdaulichste Nummer der imperialen Geschichte, und so fragwürdig wie die Verbindung von Techstep mit Kastratengesang im Intro ist wohl auch, was BSE mit dieser Stromwand, die das grausig-offensive Soundgewand von Dubstep mit der geradlinigsten Haudraufattitüde der Panacea-Schule des Drum & Bass verschmilzt, eigentlich bezwecken. ‚Hauptsache arg!‘ mag man sich wohl gedacht haben, als man mit beiden Händen Stil und Kontrolle über Bord warf, aber anfreunden kann zumindest ich mich nicht mit diesem Unterfangen.
Ebenso wenig übrigens wie mit der außergewöhnlichsten Seltsamkeit des Albums, Adaptation, die für mich die Frage aufwirft, ob es nicht auch gereicht hätte, ein Autobahn-Poster im Studio aufzuhängen, anstatt Kraftwerk mit einer eigenen Schlagerhymne Respekt zu zollen. Abgesehen davon aber habe ich mich bei dieser Nummer sehr gefreut, im digitalen Zeitalter zu leben: Hätte ich das Album als Platte, wäre sie an dieser Stelle wohl zum Fenster rausgeflogen. Den ganzen Rechner aber rauszuschmeißen ist sie einfach nicht wert.

From The Shadows bleibt damit eine BSE-typische, aber oft halbgare Angelegenheit, und präsentiert sich so charakteristisch wie fortschrittsresitent. In altbewährter Manier treiben die Songs den Hörer vor sich her, aber viel zu oft kann man einfach nicht sagen, was jetzt eigentlich treibt; und zu viele Sequenzen (v.a. die immergleichen 3-Ton-Melodien und Achtel-Subbässe) sind einfach schon zu verbraucht, als das sie noch den gewünschten Effekt erzielen könnten. Mit den großen Ausnahmen Feed The Machine und Thunderbolt bleibt damit ein äußerst mediokres Machwerk zurück, das -und auch das will gesagt sein- durchaus den nun mal ganz eigenen Black Sun Empire-Sound weiterführt (und darin die Fans auch nicht enttäuscht), zur Gegenwart und insbesondere Zukunft der Musik aber nur einen bescheidenen Teil beiträgt. Kettensägenmassaker sind eben nicht mehr wirklich in Mode.

Black Sun Empire (feat. Audio, Bless, Inne Eysermans, N.Phect, Noisia, Rido, State of Mind, Thomas Oliver & Youthstar) – From The Shadows (Black Sun Empire) – http://soundcloud.com/blacksunempire/sets/fromtheshadows/

Dom & Roland – Mammoth Hunt (Dom & Roland Productions) – http://www.youtube.com/watch?v=4CnX76Wg_7s

Kraftwerk – Kometenmelodie 2 (Kling Klang) – http://www.youtube.com/watch?v=Hy1NzQ937l8

Harsche Reviews von mittelprächtigen Alben: http://www.facebook.com/Subsphere

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