2012/42 : Pellets, Briketts und das Knistern der Heizdecke

In einer immer unliebsamer werdenden Jahreszeit, da selbst die Farbspiele der verbleibenden Blätter uns nur mehr kurz aus den Sorgen einer auch im Wortsinn immer dunkler und kälter werdenden Welt zu reißen vermögen, ist wenig so kostbar wie die Wärme: Die Wärme jenes artifiziellen Uterus z.B., den wir abends so abgeklärt Club nennen und morgens doch nur schreiend und mit jenem Wiederwillen verlassen, mit dem Babys aus ihrer Mutter in eine schroffe und unwirtliche Welt gerissen werden; aber auch diejenige der luftigen, dicken Wellen, die uns darinnen umsorgen, und mit ihrer physischen Macht alles Unliebsame einfach wegzuspülen scheinen, bis nichts von uns übrig bleibt außer wir selbst – und der Moment. Das ist wohl die Kostbarkeit des Winters, die urbane Geborgenheit, die uns durch das Grau der Großstadt und den Novembernebel der Welt führt; das ist wohl jene zweite Decke, die uns über die fröstelnd vorgetragene Frage hinweghilft, was unsere Vorfahren wohl dazu gebracht haben könnte, sich an einem solchen Ort anzusiedeln; und das ist wohl auch die Hoffnung, die unseren Lebensfunken erhält, bis die Sonne wieder über unserem Treiben steht und weder Schnupfen noch Heizkosten uns Einhalt gebieten. Und wenn wir unsere Schals und Mützen dann eines Tages wieder in den Kästen verstauen und wieder so tun, als ob wir nie lange Unterhosen getragen hätten, werden wir damit nicht auch einen Teil jener Geborgenheit einmotten, die uns damals alle ein wenig mehr zusammen rücken ließ, damals, als wir auch alle leben wollten, und es nicht nur taten?
Wohlan, so überlisten wir uns denn wieder einmal selbst in die ewige Vorweihnachtszeit hinein, und springen wiedereins mit offenen Armen und lachend in die saisonale Kreissäge. Und solange die Natur nichts besseres zu tun hat, als uns kalten Wind um die Ohren zu schlagen, gibt’s ja auch wenig Grund, das Studio zu verlassen – was uns nicht zuletzt die Ohren danken werden.

Dunkel und kalt ist im Übrigen auch das zeitgemäße Motto der neuen Single von Philth, und entsprechend dem Credo unserer Rubrik Neurofunk to go geht’s hier heiß und schnell zur Sache. Die zwei Tracks Cold (feat. Dubz-D) und The Dragon leben von den Ausritten ihrer fuzzigen Bässe, die ein wenig an Frankee’s Eröffnungsrelease für ProgRam erinnern, mit ihrem Dirt und Verzicht auf Extravaganz jedoch einiges bodenständiger und damit verträglicher sind als diese lose Assoziation. Jedenfalls reißen diese tieffrequenten Ungetüme einige feine Obertöne mit sich mit, und während das treibende Cold zuweilen hauchzart an der Monotoniegrenze vorbeischrammt, bietet das slicke The Dragon auch genug Abwechslung, um sich nachhaltig am Feuer dieser fabelhaften Kreatur zu entzünden.

Philth – Cold (ft. Dubz-D) / The Dragon (Flexout Audio) – http://soundcloud.com/philth/sets/flxa009/

Ebenfalls in weiser Voraussicht der verkühlenden Monate stellt uns Instant auf seiner neuen Benchmark EP einige Subbassbriketts in Aussicht: Deep und minimalistisch, aber dank der knackigen Drumpellets nie ohne den nötigen Drive, brennen sich die stilistisch kohärenten aber abwechslungsreichen 4 Tracks mit einem angenehmen thermodynamischen Wirkungsgrad von ca. 36 Hertz gut und gerne in den Floor über dem sie schweben, und halten überdies den Unterbauch wohlig warm. Auch für flauschige Abende vor dem Kamin geeignet.

Instant – Benchmark EP (Musically Tuned Records) – http://soundcloud.com/instant/sets/instant-benchmark-e-p/

Ein Kotatsu ist eine Art elektrisch befeuerter Tisch, der als Heizung in Japan Verwendung findet, und mit dessen dickem Tischtuch man sich soweit als möglich bedeckt und dann von unten gewärmt wird. Ob sich auch die Samurai unter solcherlei Decken steckten war auf die Schnelle nicht zu eruieren, das Label Samurai Music jedoch verfolgt mit der neuen Compilation Way oft he Samurai 2: Code of Honour jedenfalls ein ähnliches Ziel: elektrische Glut von unten. Unter der relativ großen Samurai-Decke finden sich 22 Tracks von so unterschiedlichen Rōnin (dt. ‚Wellenmänner‘) wie Nymfo oder Cern (dessen ausladender Track Apparition wieder einmal sehr gelungen die Grenzen seines Oeuvres auslotet), der harmoniebedürftige Sam Reed alias Tokyo Prose oder auch Sam KDC, der mit dem wunderbar verspielten Glitch-Epos Sepia mit seiner bisher vielleicht darkesten Nummer den für mich besten Track des Samplers abliefert. Unter der Fülle an Musik seien an dieser Stelle noch Fuse des immer vielversprechenderen Quartetts Mako, Linden, Fields und Villem erwähnt, sowie M-Zine, Scepticz und Distant Futures Magnetic Fields; beides Nummern von hervorragendem Groove und bassiger Konsistenz. Wie zu erwarten bei 22 Titeln wird der Standard nicht immer gehalten, insgesamt aber gibt es unter der dynamischen Heizdecke noch allerlei Honoriges zu entdecken.

ASC, Borderline, Cern, Clarity, Consequence, Dally, Distant Future, Fields, Hollow Crooks, Loxy, Mako, Marcus Intalex, Mercy, Minor Rain, M-Zine, Nymfo, Overlook, Paragon, Pessimist, Resound, Sam KDC, Scepticz, Subtension, Tokyo Prose, Villem – Way of the Samurai 2: Code of Honour (Samurai Music) – http://soundcloud.com/preshasamurai/sets/way-of-the-samurai-2-code-of/

Die wohlverdiente Single der Woche kommt diesmal aus Bristol, wo sich die klingenden Gentlemen Pessimist, Vega und Cooper zu Ruffhouse zusammengetan haben, und mit ihrer Debüt-Single eine ganz eigene Wintertaktik proklamieren: In radikaler Umkehrung des barocken Metallica-Credos ‚Fight Fire With Fire‘ bekämpft das innovative Dreigespann hier Kälte mit Kälte, und bedient sich eines beispielhaften technoiden Minimalismus dafür. Wummernde Bassdrums markieren klar die Eckpunkte dieser repetitiven Rundschau durch den akustischen Eispalast, und über den rollenden Bässen zeichnen sich hypnotische Melodien von industrieller Grazie und metallener Erotik ab. Ja aller Gefährlichkeit so einer Unterstellung zum Trotz möchte ich fast behaupten, Ruffhouse schlagen hier eine neue musikalische Richtung ein, deren Ingredienzen sich zwar allesamt heraushören und benennen lassen, deren Zusammenstellung mir allerdings höchstens emotional von z.B. Audios Warehouse VIP bekannt ist,  in dieser Art aber neu. Aber selbst wer meinen Fortschrittsglauben hier nicht teilen mag, wird auf dieser kleinen EP eines doch gewiss vorfinden: Maschinenfunk wie er besser kaum sein könnte.

Audio – Warehouse VIP (Freak Mp3 Exclusive) – http://www.youtube.com/watch?v=JfPaTl4U8k4#t=5m16s

Ruffhouse – Pellet / Classified (Alignment Records) – http://soundcloud.com/ruffhouse-1

Das bestimmt wieder einmal pünktliche wöchentliche Musik-Update: http://www.facebook.com/Subsphere

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