The Other Side – Schritt für Schritt durch die schizophrene Symmetrie

Aufgrund eines Fehlers in der Matrix war die neue Symmetry Recordings Compilation The Other Side Ende September für einige Tage bereits der Weltöffentlichkeit zugänglich (was sich auch in einem kleinen Subsphere-Feature niederschlug). Als neuer, tatsächlicher Veröffentlichungstermin ist nun Montag, der 22. Oktober anberaumt, Subsphere aber durfte vorab in das ganze Opus eintauchen.

The Other Side, das ist immer da, wo man sich gerade nicht befindet. Für Symmetry-Labelboss Break aber ist das mehr als eine Plattitüde: für den basslastigsten Schizo der Geschichte gebrochener Beats steckt dahinter eine ganze Lebens- und Überlebensphilosophie, wie er auch in seinen Beiträgen zu dieser Ansammlung dichotomer Machwerke nicht müde wird zu beweisen.
Die Reise ins Reich der Gegensätze beginnt mit Breaks sehnsüchtigstem Ausdruck seiner selbst, Love So True, und damit mit einer Nummer, die man eigentlich nur live verstehen kann. Im heimischen Wohnzimmer nämlich bewirken die Honky Tonk-Pianos, vokalen ‚Uuuuuh‘-Eskapaden und dezente Reggae-Relaxation nur hochgezogene Augenbrauen und Stirnrunzeln. Im Club aber, wenn sich plötzlich alle in übertriebener Empathie sehr lieb haben und -lautstark mitsummend- die bisher dem Musikantenstadl vorbehaltene Domäne des Mitschunkelns für sich entdecken, macht das schon wieder Sinn – irgendwie zumindest. (Und in Zeiten, wo Calyx & Teebee stolz auf die Feuerzeuglichtermeere in ihrem Publikum verweisen, sind solcherlei Eskapaden wohl en vogue.) Bedauerlicherweise ist dieser Ausflug in artfremde Gefilde auch schon das Höchste der Gefühle, denn der Rest dieser völlig schizophrenen Nummer ist nicht wirklich überzeugend, und weder die Delay-Unfälle der Drops (deren erster wenigstens noch witzig ist) noch die unausgegorene Geräuschkulisse aus u.a. verhallten Congas können über die monotone, nicht mal so dicke Bassfigur hinwegtäuschen. Aber sei’s drum, ein Album birgt nun mal Höhen und Tiefen, und mit letzterer ein solches zu eröffnen ist doch nur ein weiterer Ausdruck der hervorragendsten Zwiespältigkeit des Genres.

Der CD-(bzw. digitalen) Version vorbehalten ist der nächste Track, Eastcolors Watch Out, eine behutsame, fragile und zuweilen etwas willkürlich anmutende Reise durch einen zartrosa Weltraum. Zwar ist der harmonisch-melodische Approach zuweilen etwas abgegriffen, die mannigfaltigen (teilweise etwas verwaschenen) Hallfahnen schwirren einem aber mit angenehmer Geschwindigkeit um die Ohren, und alles in allem haben wir es hier mit einer überaus faszinierenden Nummer zu tun.

Die Ulterior Motive Kollaboration mit Code 3, Yeti, ist wiederum etwas ganz anderes. Sehr deep und fast ohne Mitten erinnert diese Melange aus angerissenem Sub und einigen netten Geräuschen aufs angenehmste an den nunmehr 14 Jahre zurückliegenden Ankerpunkt des Genres, Ed Rush & Opticals geniales (aber das muss man ja nicht dazu sagen) Wormhole Album. Wer bei Yeti übrigens an die weiße Kreatur aus Monsters Inc. denkt ist zweifellos auf dem Holzweg, eine unterhaltsame Vorstellung ist’s freilich trotzdem.

Das erste richtige Highlight des Albums ist schließlich der Xtrah Remix von Breaks Something New, ein detailverliebter Half-Time Stepper, dessen wuchtige Bassdrum meisterlich von Percussionspielen umsäumt wird, während der nagende Bass immer wieder durch die verschiedenen Hallräume durchbeißt. Addiert man noch den mächtigen Sub zu diesem genialischen Konstrukt, so bleibt eigentlich nur ein Problem bestehen: dass die Nummer viel zu schnell wieder vorbei ist…

Dann aber wird’s gefährlich: eine billige Saxofonlinie über Paradiesvogel-Atmosphäre lässt schon im Intro aufhorchen – hier stimmt was nicht. Und wenn dann auch noch die Vocals dareinstöhnen muss man unweigerlich noch mal nachschaun: ja, es steht Octane & DLR in den Credits; aber es steht halt auch Break darin. Aber dann: der Drop. Ok, alles klar, mit den schizophrenen Schüben des symmetrischen Mastermind haben wir ja schon leben gelernt, und die eine oder andere Trompete und Frauenstimme blenden wir mit dem Pulp Fiction-Automatismus ohnehin aus. Und der Rest ist ja an und für sich fett, leider etwas konturlos (vom Zusammenhang ganz zu schweigen) aber knackig. Aber es wäre wohl trotzdem so viel mehr drin gewesen, und so steht der Titel Power Down letzten Endes als Wunsch über diesem unfertigen und beliebigen Werk, dass eigentlich (und dies entgegen der allgemeinen Tendenz Octane & DLRs)  den Tiefpunkt des Albums markiert. Aber auch das ist wohl The Other Side.

Die Mitte der Compilation markiert passenderweise Prolix Third Act, und gemäß der griechischen Tragödie markiert der dritte Akt den Höhepunkt der Handlung. Zwar können wir nur mutmaßen, was Aristoteles zu dieser Neurofunk-Episode gesagt hätte, ich selbst vermute, er hätte sein antikes Tanzbein geschwungen. Diese Annahme verstärkt die latente Old School Tendenz des Tracks, der zwar nicht zweieinhalb Tausend Jahre in die Vergangenheit weist, aber auch nicht ganz frisch daherkommt. Übrig bleibt eine treibende Nummer, an die sich in einem Jahr wohl niemand mehr erinnern wird, die jetzt aber durchaus für Freude sorgen kann und soll.

Der nächste Track, Breaks Who We Are, wirft in aller Deutlichkeit die Seinsfrage seiner gepaltenen Persönlichkeit auf: Wer sind Break eigentlich? Da wäre auf der einen Seite der emotionale Part, Eros-Break wenn man so möchte; der steht auf Harmonie, Piano, Vocals, Soul und Emotion. Dann aber gibt es noch Thanatos-Break, den bösen Geist, der mag Bässe, Groove und treibende Drums. Ob es aber eine Brücke zwischen den Beiden gibt, vermag ich nicht zu sagen; vielmehr scheinen wir es mit zwei völlig getrennten Persönlichkeiten zu tun zu haben, und folgerichtig funktioniert die Verschmelzung der beiden Break-Facetten nicht nahtlos (ganz im Gegenteil).
So fusioniert auch dieser Track in völligem Kontrast die Antagonismen nur so weit, wie man z.B. die Drehbücher von Event Horizon und Titanic verschmelzen könnte: zurück bleibt eine spannende und mitreißende Schiffsgeschichte – ob einen aber der Rest überzeugt liegt wohl alleine in Aug und Ohren des Betrachters.

Das zweite große Highlight des Albums ist Breaks Zusammenarbeit mit Silent Witness, The Hills Have Ears. Aus der seltsam nostalgischen Achtellinie eines gepickten E-Basses und einigen magisch-billigen Synths erwächst ein groovendes Monster. Silent Witness (dem wir hier wieder einmal die Form seines Lebens unterstellen wollen) und Break beweisen in ihrem Spiel mit dem Bass so viel Können wie Geschmack, sie pressen ihn aus und lassen ihn entspannt resonieren, prügeln ihn mit den Drums und schwelgen in den kuscheligen Obertönen dieser klebrigen Wellengestalt; dazu präsentieren sie feine, wuchtige und definierte Drums und eine faszinierende und bewegte Soundkulisse, die sich meisterlich mit dem Rest zu einem wahrhaft erlesenen Vibe und zusammenfügt. Unbedingt anhören, da gibt’s nicht viel mehr zu sagen.

Need for Mirrors Domo wiederum kann nicht überzeugen: insgesamt zwar sehr deep und mit einigen netten Ideen wiegt dennoch der Schatten der Beliebigkeit schwer auf diesem eigentlich feinen Ansatz. Aber man hätte mehr als einen Takt Drums nehmen, die Melodien etwas weniger vorhersehbar gestalten und insgesamt etwas mehr Bewegung in die Sache bringen können. Wie gesagt, die Ansätze sind alle da und der Sound ebenso; und ich möchte meinen, das wird schon noch – aber nicht mit Domo.

Auch Dissolve, der Beitrag des Quadrumvirats aus Fields, Hydro, Mako und Villem, bleibt unter seinen Möglichkeiten, wenngleich -ganz im Sinne von The Other Side- aus gänzlich anderen Gründen: nicht nur braucht der Track eine gefühlte Ewigkeit um in Fahrt zu kommen, er ist auch schon zu verspielt, um die notwendige Eingängigkeit gewährleisten zu können. Auch ist die Zusammenstellung der Harmonien mit dem Rest – nun, sagen wir, es erinnert an Break. Insgesamt trotzdem keine schlechte Nummer, aber man wird sich schwer überlegen müssen, ob man die Piano (oder Rhodes oder was auch immer)-Einschübe als over-the-top-Elemente goutiert, oder als seltsame und unangebrachte WTF-Elemente verteufelt.

Allen, die mit der neuen Dom & Roland Single nicht ganz glücklich werden (oder der davor, oder der davor, …), sollten sich mit Mikal anfreunden, der mit dem anschließenden Frozen hier eine mehr als probate Alternative präsentiert: dicke, auf den Punkt gebrachte Bässe, spartanische Drums, die ihre Funktion erfüllen, und ein großes Augenmerk auf den Verstörungsgrad der Höhen zeichnen diesen Track aus und machen ihn zu einem der konsistentesten und interessantesten des Albums.

Das sowohl die digitale, CD- und LP-Version abschließende Kicked To Death ist schließlich der wohlfeile Sieg des Thanatos über seinen emphatischen Bruder, aber es ist weniger ein vernichtender Triumphzug des Bösen als ein spastischer Totentanz am leeren Grab; und man wird das Gefühl nicht los, das Break seine andere Seite braucht, will er nicht an den Abnutzungserscheinungen seiner Loops zu Grunde gehen. Denn letztlich ist es das große Ganze, um das es geht, und Breaks Beitrag dazu ist -in völliger Unfähigkeit zu oder Ablehnung von Aufbau und Erhalt einer integralen Spannungskurve im alten Sinn- nun einmal diese groteske Bipolarität, die noch aus den tiefsten Tiefen des akustischen Tartaros mit einem schmalzigen Vocalfetzen auftaucht und den verschreckten Hörer gemahnt: es gibt noch eine andere Seite!

Bleibt mir nur noch, allgemein zur Vorsicht zu gemahnen, wenn man sich diesem Album nähert, denn es kann -wie wir gesehen haben- durchaus die eine oder andere Erwartung enttäuschen. Es weist -gemäß seiner Anlage als übergreifendes und konträres Kunstwerk- aber auch auf neues, unentdecktes Land hinaus. Land, das vielleicht nicht jeder betreten möchte, Land aber jedenfalls, das auch noch nicht viele betreten haben. Und darin liegt ein nicht zu unterschätzender Wert, ein Weiter! ohne Rücksicht auf Verluste, und einige Verluste, die wir wohl verschmerzen werden.

Break, Code 3, DLR, Eastcolors, Fields, Hydro, Mako, Mikal, Need for Mirrors, Octane, Prolix, Silent Witness, Ulterior Motive, Villem, Xtrah – The Other Side (Symmetry Recordings) – http://soundcloud.com/symmetry-recordings/sets/break-presents-the-other-side/

Subjektive Weltsicht als objektive Wahrheit präsentiert: http://www.facebook.com/Subsphere

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