2012/43 : Wieder diese neue Musik

Den Einstand unserer heutigen Revue macht der neuseeländische Producer Over Ride, der uns aus der Hauptstadt Nelson mit einigen freshen Beats und beleibten Subs versorgt. Seine Debütsingle Rain Fade auf Organik Audio (hoffentlich Fairtrade) ist eine angenehme Woge aus bei aller Spannung relaxter Atmosphäre und treibenden Drums mit deutlichem Tribal-Faktor. Die Breaks sind -zugegeben- mitunter noch etwas vorhersehbar und teils unspektakulär, aber wer seine Basswellen gerne etwas größer und seine Drums gern etwas knackiger hat, wird mit dieser Nummer gewiss glücklich werden.

Over Ride NZ – Rain Fade (Organik Audio) – http://soundcloud.com/organik-audio/rain-fade-over-ride-clip

Eine wunderbare Reise zurück in die Zeit, wo Metalheadz noch den Ton angab und Revolutionen von Goldie ausgingen, bietet Ulterior Motives Remix von Future Cuts Obsession aus dem Jahre 2001, und auch diese Nummer atmet den revolutionären Geist jener Tage, da die musikalischen Ideen und Gesten noch den mikroakustischen Feinschliff überwogen: Eine zarte Schicht Dirt übertüncht den ganzen Track mit einem jener mittlerweile beinah historischen Schleier, der noch die Phantasie in sein Spiel der Sinne einbaut und nicht mit jener zuweilen platten Perfektion den Hörer gänzlich außen vor lässt – nein, die fetten, wilden Bässe und das unablässige Pumpern der dezent musealen Drums erfordern durchaus noch die Mithilfe des Zuhörers um zu funktionieren, ebenso die retrograden Flächen und Effekte (die -wohlgemerkt- allesamt wunderbar eingesetzt sind). Aber mit etwas gutem Willen und Offenheit hat man es wahrscheinlich mit einer der besten Nummern des Jahres zu tun. ‘Ardkore!

Future Cut – Obesession (Ulterior Motive Remix, Metalheadz) – http://soundcloud.com/metalheadz/future-cut-obsession-feat

Ruffhouse haben letzte Woche mit ihrer Debütsingle definitiv einen Fuß in die Türe bekommen, und ihre neuesten Veröffentlichungen The Foot und Bypass setzen genau da an, wo uns Pellet und Classified verlassen haben: Kalte, technoide und minimalistische Vibes, deren mikroskopische Veränderungen den zeitlosen Einbrennvorgang ihrer bestechend simplen und überzeugenden Rhythmen zu einem Tauchvorgang mit unheimlicher Tiefe machen. Bleibt zu hoffen, dass Ruffhouse ihren tighten Releasekalender beibehalten, denn auch diese faszinierende Auslotung des repetitiven Abgrunds macht Lust auf mehr.

Ruffhouse – The Foot / Bypass (Ingredients Records) – http://soundcloud.com/ruffhouse-1/ruffhouse-the-foot-ingredients, http://soundcloud.com/ruffhouse-1/ruffhouse-bypass-ingredients

Auch Abiotic ist dem Zauber der Wiederholung gänzlich ergeben, wenn sich auch seine neue Nightfall EP deutlich organischer anfühlt als Ruffhouse metallen kühle Klanggebilde. Dabei setzt der bürgerlich Pavel Vasylyev genannte Soundschrauber aus dem ukrainischen Sevastopol nicht nur auf die treibende Kraft unserer liebsten tieffrequenten Zeitgenossen, er bedient sich mit Vorliebe und viel Gefühl einer ganzen Flut von ausufernden Perkussionalia und mysteriösen Geräuschen, und verwebt diese nahtlos mit seinen stets groovenden Riffs zu einer EP, in die man weiter eintauchen kann (und sollte!), als es der erste Eindruck vermuten lässt.

Abiotic – Nightfall EP (Respect Records) – http://soundcloud.com/abiotic-ua/sets/nightfall-ep/

Etwas zwiegespalten bin ich hingegen was Disproves neue In The Lab EP angeht. Die schlechte Nachricht zuerst: Weder der Mini Remix von First Line Squad noch die beiden anderen Titel In The Lab und Sleep Cycle können vollends überzeugen; insbesondere der neurofunkige Remix nimmt zwar gut Fahrt auf, bleibt aber wie die beiden anderen Tracks schlicht zu vorhersehbar und letztlich zu monoton. Die gute Nachricht: Der Eröffnungstune, Mini, gehört zum Spannendsten und Feinsten, was mir in diesem Jahr unter die Ohren gekommen ist: Elegant droppt Disprove hier Trommel um Trommel zu einem slicken Lehrstück an rhythmischer Finesse, zaubert mit gesellenhafter Leichtigkeit Sound um Sound aus seinem Zylinder (-man darf annehmen, dass Magier solche tragen-) und verdichtet auf den knapp 5 Minuten seine knurrigen Bässe zu einer druckvollen Melodie, der weder Spannung noch Zusammenhalt fehlt. Wer sich im Mindesten vom typischen Dispatch-Sound angezogen fühlt, darf sich dieses Meisterwerk auf gar keinen Fall entgehen lassen!

Disprove, First Line Squad – In The Lab EP (Ammunition Recordings) – http://soundcloud.com/ammunition-recordings/sets/disprove-in-the-lab-ep/

Gutes zu berichten gibt es auch von den unlängst hier ob ihrer Remix EP in die Kritik geratenen Cause 4 Concern, die mit ihrer neuen Alchemist EP wieder einmal Großes geleistet haben. Naturgemäß ist zwar allen 4 Tracks eine vordergründige Straightforward-Tendenz gemein, aber die Ausformungen selbiger sind absolut bewunderungswürdig. Die EP beginnt mit der basstriefenden Frequenzschlacht Alchemist, die aufzeigt, wie das neue Black Sun Empire Album hätte klingen können (oder sollen): vollends energetisch, durchsetzt mit psychotischen Synths und definitiv ohne Rücksicht auf zeitgenössischen Stil, Sound oder Verluste – und diese eklatante Verneinung des Zeitgeistes steht C4C ganz ausgezeichnet! Das anschließende Outlands entführt mit seiner orientalisch anmutenden Melodie über Subbasswogen  in entlegenere Gefilde des Groove, während Jitter Bug wieder rotzfrech und dirty daherkommt, mit deutlicher historisierender Tendenz. Den Abschluss bildet das für C4C Verhältnisse deepe Creatures Of Habit, und alleine der Titel fasst recht gut zusammen, was wir durch jenen leichten Produktionsnebel zu erkennen vermeinen: dass hier Überzeugungstäter am Werk sind, die sich in ihrem ganz eigenen Sound sehr wohl fühlen; und das nicht, weil sie nicht anders können, sondern schlicht, weil sie nicht anders wollen. Und das ist sehr gut so.

Cause 4 Conern – Alchemist EP (Cause 4 Concern Recordings) – http://soundcloud.com/cause4concern-recordings/sets/c4c-alchemist-e-p/

Die zum größtmöglichen Spannungsaufbau immer zuunterst gereihte EP der Woche kommt diesmal aus dem Hause Syndrome Audio, und vereint den tschechischen Producer Subtention mit seinen slowakischen Kollegen Keosz, Trilo und Minor Rain auf drei hervorragenden Tracks. Den Anfang macht mit Subtentions titelgebender Oblique Motive eine Nummer allerersten Groovegrades, deren vertrackt swingende Perkussionskonstellation mit dem sanften Tweaking der längerwelligen Spielgefährten (vulgo Bässe) einen ekstatischen und verschlungenen Ninja-Tanz vollführt, der wohl noch einen Toten mitreißen würde. Der mittlere Track, Keosz und Trilos The Unearthly, kommt mit weit ausladendem Beat und einer guten Portion Sphäre daher und stampft solide aber beizeiten etwas leer durch seine Breaks. Das abschließende Lazy Tribe aus der Feder (oder Maus oder wie sagt man heute?) Minor Rains hingegen ist wieder vollends als Meisterwerk zu bezeichnen, oder wie sonst sollte man die verschwenderische Fülle an Geräuschen, die weitreichende Struktur der Komposition, den Reichtum an Breaks und die legere Schönheit sowie den verspielten Witz der Melodie in eine Schublade pressen? Lazy Tribe unterhält mit beständigem Augenzwinkern und einer Leichtigkeit im Verstreuen von Geräuschen, die an Rockwell gemahnt und doch was Eigenes will; und diese EP unterhält mit zumindest zwei der besten Tracks, die man im Moment bekommen kann.

Subtention, Keosz, Trilo, Minor Rain – Oblique Motive EP (Syndrome Audio) – http://newelectro.org/r/l4pa/oblique-motive-ep

Wenn sich nur jemand um die ganze neue Musik kümmern würde… http://www.facebook.com/Subsphere

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