Calyx & Teebee – All or Nothing : The Importance of Being Earnest (deutsch)

Calyx & Teebee waren immer schon dann am besten, wenn sie sich den schicksalsschweren Fragen des Lebens und den Abgründen der Seele stellten. Make Your Choice verlautbarte so die wissende Männerstimme im gleichnamigen Track ihres 2007er Debütalbums (und Klassikers) Anatomy, bevor sich das zerrüttete Basskonstrukt in all seiner Schwere auf unsere Atlasohren legte. Nun, die Wahl ist getroffen, und in düsterem Glanz steht das neue Machwerk All Or Nothing vor uns, das -dies gleich vorweg- vielleicht ernsteste Drum & Bass Album aller bisherigen Zeiten. Sich von der vorherrschenden moll-gefärbten Stimmung jetzt allerdings einschüchtern zu lassen wäre ein fataler Fehler. Denn das neue Album des englisch-norwegischen Duos hat einiges mehr zu bieten als akustische Sinnsuche  und musikalischen Existenzialismus.

Einigen Lesern mag mein Hadern mit Eröffnungstrack bereits vertraut sein, und auch Heroes & Villains, der Bannerträger von All or Nothing, trägt anfangs mit seinen verträumten Gitarrenakkorden und analogen Synth-Teppichen sehr zur linksseitigen Elevation meiner Augenbraue bei. Vor dem geistigen Auge ersteht das Bild eines lachenden Widders, und gerade als das Unterbewusstsein beginnt, jene schreckensvollen Momente unter der Platten-Ägide Andy C’s aus den hinteren Verdrängungswinkeln hervorzukramen und der Körper vollends im Schildkrötenmodus zu versinken droht, katapultiert sich die Nummer mit einer Bassdrum-Roll einfach raus aus meiner Pornodystopie und rein in ein geradezu klassisches Calyx & Teebee Riff aus komplexen Bassverflechtungen und Groove, und lässt jede Spur überzähligen Mittengeplänkels und Emotionsheischens hinter sich. Ja, ich habe ein -wie ich es nenne- gesundes Misstrauen gegenüber Ram, aber das hat sich hier nach zwei Minuten in Wohlgefallen aufgelöst.

Die Ritter des Twostep lassen sich auch auf den folgenden 11 Tracks zu keinerlei Konzessionen hinreißen, deren nächster Schritt Pure Gold nicht nur die Vokalqualitäten des nimmermüden Nostalgiker Kemo bemüht, sondern nach langer Zeit wieder einmal die nasale Dicke eines schnarrenden Kontrabasses in das latent techsteppige Gefüge einbaut – ein Kunstgriff, der mir seit Roni Size’s wunderbarem Brown Paper Bag nicht mehr untergekommen ist (-aber mir ist auch nicht alles untergekommen-). Dass es die beiden aber nicht bei einem Neuarrangement alter Klänge bewenden lassen wollen, lässt sich am folgenden Skank überzeugend erhören, dass altes und neues genuin zu jener herausragenden Brückenmusik zwischen den Welten kombiniert und das bewährte Beethoven‘sche Thema und Variation-Schema überzeugend auf das Spiel mit monströsen Basswellen überträgt.

Auch die Foreign Beggars sind mit We Become One -einer fetten Frequenzsurferei mit gelegentlichen Gameboy-Einsprengseln- mit an Bord, und selten habe ich sie bedeutungsschwerer erlebt – daran können auch die okkasionellen Scratchattacken auf ihre Stimmen nichts ändern. Jedoch im Angesichte des folgenden Elevate This Sound (dass bereits vorab als Single veröffentlicht wurde) gerät diese Nummer zum Präludium: Der fünfte Track, durch den uns Calyx tiefe und angenehm hintergründige Stimme leitet, kann getrost als Herzstück des Albums bezeichnet werden. Selten wurde dem Prinzip des Minimalismus mit solcher Präzision Folge geleistet, und selten wurden die wenigen Ingredienzen -ein runder und simpler Bass, straighte, unaufgringliche Drums und Percussions, ein zartes Geflecht aus fragilen Melodiegeräuschen- zu einem derart erlesenen Vibe verschmolzen, der sich prototypisch über die Summe seiner Teile erhebt und einen auch für die nachfolgenden Tracks geradezu transzendentalen Bedeutungsrahmen postuliert. Denn jetzt ist die Ausdrucksebene endlich erreicht, auf der jeder Ton für sich eine Geschichte zu erzählen scheint, wo eine beinahe klassische Ernsthaftigkeit und Schwere über den Filtern thront und die Ausblicke aus den Zeitfenstern der Hallräume nichts als mordorne Düsternis verheißen. We Fall Away und das ebenfalls bereits bekannte Scavenger sind nun die Boten jener tragischen Ausblicke, und insbesondere die seltenen akustischen Lichtblicke, die den dunklen Äther letzterer zuweilen zerreißen, vertiefen die Stimmung weit über den Punkt, an dem die Atmosphäre gerne (und platt) als cineastisch umschrieben wird. Dann schließlich, wenn sich Calyx mit dem schönen Strung Out wiedereins in der Rolle des Sängers wiederfindet und mit der Zeile ‚Now I’ve got to sing this song‘ meiner Meinung nach mehr als textlich zu Led Zeppelin’s Evergreen Ramble On aufschließt; dann ist die Welt wieder in Ordnung, und ein Kreis schließt sich. Aber was für ein Kreis…

Das Album ist da aber noch nicht zu Ende, und für You’ll Never Take Me Alive wurde Beardyman als Gaststar gewonnen. Das klingt jetzt leider besser als es ist, und insbesondere die Unklarheit, wie weit sich Beardyman’s Input über die verzichtbaren Ausbrüche mit dem Titelsatz erstrecken, macht das ansonsten begrüßenswerte Feature etwas vernachlässigbar. Selbiges gilt für die folgenden Starstruck und Back & Forth, die -weit davon entfernt, wirklich schlechte Nummern zu sein- ganz einfach der Biosphäre eines Albums bedürfen, um mit ihrer latenten Schrulligkeit nicht zu sehr an den Erwartungen anzuecken. Im großen Kontext der ganzen Stunde Laufzeit aber ist diese Spannungsabflachung zu Gunsten der Auslotung anderer Untiefen durchaus wünschenswert.

Das Album schließt schließlich mit meinem persönlichen Lieblingstrack, der Old School-Hymne  Nothing I Can Say, die noch einmal vor Ohren führt, was Calyx & Teebee auszeichnet, und was sie auch auf diesem Album betreiben: Eine rücksichtslos dem Widerspruch und seiner Spannung verschriebene Musik, die durchaus ihrer Vergangenheit bewusst in die Zukunft steuert. In diesem scheinbaren Antagonismus und seiner Tiefe aber liegt, wie ich glaube, der Zauber dieser Musik verborgen; und vielleicht auch der Ursprung jenes Gefühls, dass Calyx & Teebee hier wirklich etwas auszudrücken suchen. Aber auch ohne Metaebene hat man es hier wieder einmal mit einem wirklich guten Album zu tun, dessen beispielloser Tiefe man eigentlich gar nicht entfliehen kann.

Calyx & Teebee – All Or Nothing (Ram Records) – http://soundcloud.com/ramrecords/sets/rammlp15-calyx-teebee-all-or-1/

Roni Size / Reprazent – Brown Paper Bag (Mercury, 1997) – http://www.youtube.com/watch?v=cwI0gbGEyuI

Glenn Gould – Ludwig van Beethoven : 32 Variationen in C-Moll, WoO 80 (1806) – http://www.youtube.com/watch?v=bVrUaiL2gz8

Led Zeppelin – Ramble On (Atlantic, 1969) – http://www.youtube.com/watch?v=GdiN0sW-wVU

Die Transzendation des Bumm-Patsch: http://www.facebook.com/Subsphere

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