2012/46 : Ein Gral?

Die Suche nach dem Bassline Secret ist ja bekanntermaßen der heilige Gral für jeden Producer, und darum ist es hier meine hochheilige Aufgabe der Welt zu verkünden, dass die so betitelte A-Seite von LoKos neuer Single von jener Suche erzählt – nicht aber das Geheimnis preisgibt. Das macht aber nichts, denn das über herzhaft dahinschmatzenden Drums dargereichte Panoptikum an Bassgestalten ist eine mehr als abenteuerliche Geschichte aus der Welt des tieffrequenten Müßiggangs, und wahrhaft einer Opfergabe am Hausaltar der drei Weisen aus dem Flachland würdig. Auch die Flipside des vierten Program-Releases, Shadows, ist auf ihre eigene Art nicht weniger mystisch, vor allem aber mangelt es auch ihr nicht an Groove. Und dass einem der Bass im Aston Martin davonfährt hört man ja auch nicht alle Tage.

LoKo – Bassline Secret / Shadows (Program Recordings) – http://soundcloud.com/dj-loko/sets/loko-bassline-secret-shadows/

Noisia’s Special Super Mega Cyber Bassline Secret 2000 Mark 3 – http://www.youtube.com/watch?v=zwjO1c8TfhE

Cold Black Winter nennt sich der Einstiegstrack der neuen In The Name Of EP des Italieners Future Roots, und dass die anfangs epische und später zunehmend verrückte Geräuschorgie zusammen mit Neve (dt.: Schnee) produziert wurde, spricht doch eigentlich Bände für den Geschmack des jungen DJs und Visionärs aus Como. Microfunk für die nächste Generation von Informationsstaubsaugern und Monotoniephobikern wird auch auf den folgenden drei Tracks geboten, unter denen insbesondere Keep Calm (feat. Am:x) als in ganz einfach jeder Hinsicht fürtreffliche Nummer hervorsticht. Dicke Bässe, atmosphärische Flächen und allerlei rhythmische Tricks und Kniffe kann man sich aber auf der vollen Länge der EP abholen.

Future Roots feat. Neve, Am:x,- In The Name Of EP (Modulate Recordings) –  http://soundcloud.com/futurerootz/sets/future-roots-in-the-name-of-ep/

Reichlich wahnsinnigen Soundoverkill bietet auch die neue Angry Toys EP des Moskauer Producers Asphexia, der allerdings eher in Richtung eines angefuzzten und obertongeladenen Neurofunkamoklaufs tendiert. Vor allem melodisch zeichnen sich die vier Nummern aus, die ein recht modernes, massives Soundgewand der Bässe und relativ aggressive (oder sagen wir bestimmte) Drums einer zuweilen östlich anmutenden, stets unheimlich bewegten und -wie gesagt- verrückten Melodik gegenüberstellen. Zum ersten Kennenlernen empfehle ich die Nummer Just For Move, die behutsam eine Barbiestimme in ihre Atome zerlegt und die erwähnten Facetten eingehend demonstriert. Wer es gerne etwas kontrollierter und übersichtlicher hat, könnte sich mit dieser EP schwer tun; allen aber, die immer schon eher mit Joker als Batman sympathisierten, sei dieses wahnwitzige Werk wärmstens ans Herz gelegt.

Asphexia – Angry Toys EP (Close 2 Death Recordings) – http://soundcloud.com/asphexia/sets/close2death-recordings-angry/

Geradezu zivilisiert nimmt sich da das neue Borderline Machwerk The Borderline EP aus, die viermal knackig angezerrte Bässe über lockerflockigen Drums bietet und sich soundmäßig vom minimalistischeren Stechstep (sic) mit fetten Quetschbässen (Meteorite) bis zum rockigen Twostep mit angenehmer Ed Rush Resemblánce (Wise Guy) erstreckt. Ein leider etwas unspektakulärer Flächenspiellatz –Turn Over– und ein straighter und beinahe tranciger State of Mind Remix der Kollaboration des Neuseeländers mit Hooves, Rockhop, komplettieren das Package und runden diese irgendwie einfach angenehme EP ab.

Borderline feat. Menace, Hooves, State of Mind – The Borderline EP (SOM Music) – http://soundcloud.com/borderline-nz/sets/the-borderline-ep-som-music/

Der Sonderpreis für Knackigkeit geht diese Woche an Dub Motions neue Single Lucifer, die mit den emotionalen Qualitäten eines Eisbergs und energisch lamentierender Bassfigur erbarmungslos alles in Grund und Boden stampft. Der Knackpunkt dabei ist der Sound, dessen Ausgewogenheit und Druck selbst die latenten strukturellen Mängel vergessen machen. Ähnliches gilt für den zweiten Track im Bunde, Red Stripe, dessen hervorragendstes Merkmal der gewaltige Sub sein dürfte, der den röhrigen Mittenbass vor sich herschiebt. In sich ebenfalls um ein einfaches Riff gebaut, erwächst das immer wieder mit treffsicherer geräuschlicher Psychose durchbrochene Arrangement zu einer Art fröhlicher Dampfwalzenfahrt durch die Vorhölle. Wer noch auf der Suche nach einer ansprechenden Beschallung für die sonntägliche Dante-Lesestunde ist, wird seine geliebten Terzinen in diesen Rhythmen gut unterbringen können. Der Rest aber hört sie in der Nacht davor wohl ohnehin.

Dub Motion – Lucifer / Red Stripe (Regal Records) – http://soundcloud.com/regalrecords/sets/reg009-dub-motion-1/

Zu guter Letzt wollen wir hier noch den Einstand eines neuen Labels zelebrieren, mit dem der Westwaliser Chemical Ally künftig sein Scherflein zu einer besser klingenden Welt beitragen möchte: Rooted Recordings. Die Debütsingle unternimmt auch gleich die ersten Schritte dieses beschwerlichen aber lobenswerten Unterfangens, und beginnt mit einem Spirit Remix der ursprünglich vom Labelboss höchstselbst und Lady Flava verfertigten Nummer Imagination Of Yourself, und nimmt sich ob der straighten Drums und der bassigen Reeserei doch recht Old School aus – aber Roots waren ja eigentlich zu erwarten, und das Faktum dass der Sound nicht wirklich up to date ist ändert ja noch nichts an seiner Griffigkeit und seinem Drive. Die sich einschleichende leichte Monotonie hingegen schon, aber bevor es kritisch wird kommt auch schon Fade mit Insider daher, und das ist eine richtig gute Nummer: Zwar könnte auch dieser Track Gegenwartsfetischisten nicht hundertprozentig zufriedenstellen, aber alleine das unprätentiöse und dabei so knackige Marschieren der Drums macht ihn liebenswert; dass er sich in der Folge aber zu einer Art moderner Bleed entwickelt, sollte ihn über jeden Zweifel erheben. (Dass Insider natürlich doch etwas ganz eigenes ist möchte ich hier zur Vorbeugung einer vernichtenden Erwartungshaltung noch einwerfen.) Die digitalen Konsumenten kommen überdies in den Genuss von 2 Sides ziemlich geradlinigem True Skull; Vinyl-Cracks werden das Fehlen dieser Nummer jedoch verschmerzen können. Alles in allem könnte man den Start ins Labelleben somit als durchwachsen bezeichnen, aber solange Fade weiter daran arbeitet, aus Kiew das neue London zu machen, ist das alles nicht so schlimm.

Chemical Ally, Lady Flava – Imagination of Yourself (Spirit Remix) /Fade – Insider /2 Sides – True Skull (Rooted Recordings) – http://soundcloud.com/rooted-recordings/chemical-ally-lady-flava-1, http://soundcloud.com/rooted-recordings/fade-insider-rooted001, http://soundcloud.com/rooted-recordings/2sides-true-skull-rooted001

Kemal – Bleed (Negative Recordings, 2000) – http://www.youtube.com/watch?v=va6P8Va9Njc

Prokrastination, aber mit Liebe: http://www.facebook.com/Subsphere

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