2012/49 : Alle Jahre wieder

Willkommen zur ersten Adventausgabe unserer wöchentlichen Revue, die wie die nächsten Wochen natürlich völlig unter dem Motto ‚Kekse, Punsch & Neurofunk‘ steht. Wir beginnen die Verteilung der vorweihnachtlichen Geschenke für Ohr und Unterbauch heute mit zwei Remixes von Optivs Krakpot aus dem Jahre des Herrn 2009, mit denen uns Close 2 Death (im Advent Close 2 Birth) die Krampustage versüßt. Wo viel Druck herrscht, da entstehen Diamanten; und es gibt wahrlich Grund zu frohlocken, denn Jade hat mit seiner Krakpot-Interpretation nicht nur ein famoses Werk von himmlischer Konsistenz geschaffen, er hat auch den Basslauf gefunden, nach dem Optiv wahrscheinlich schon beim Original gesucht hat. Einigermaßen dumpf nimmt sich dagegen Billain’s Remix aus, der vornehmlich durch die Nachbarschaft des Jade’schen Juwels im Monomatsch zu versinken scheint. Beim genaueren Hinhören aber dürfte man sich recht schnell in der detailverliebten, ausgefeilten Komposition verlieren, die in ihrer ausgewogenen Mischung aus Komplexität und Wahnsinn als ein Klanggemälde bestehen bleibt, in das man gerne wieder eintaucht.

Optiv – Krakpot (Jade Remix, Billain Remix, Close 2 Death Recordings) – https://soundcloud.com/jadednb/optiv-krakpot-jade-remix, https://soundcloud.com/billain/optiv-krakpot-billain-remix

Optiv – Krakpot (Close 2 Death Recordings) – http://www.youtube.com/watch?v=M9Pq9e1zSBM

Bereits letzte Woche hat mein ukrainischer Held Fade seine Debütsingle auf seinem eigenen Label veröffentlicht, erst jetzt aber sind mir die zwei Tracks in die Hände gefallen – bleibt zu hoffen, dass unsere schnelllebige Zeit noch langsam genug ist, um diesen Aufschub zu verkraften. Denn wirklich altbacken klingen die Tunes auch knappe 8 Tage nach ihrem Release nicht, auch wenn man vielleicht anmerken sollte, dass sie auch nicht völlig nach heute klingen. Vielmehr wirft Fade recht unbedarft in seinen Tontopf was ihm gerade stimmig erscheint, und so ist die A-Seite Raw Deal ein deepes und grooviges, mitunter etwas unbalanciertes Potpourri aus  wandernden Knarzbässen über einem wabernd terzlastigen Subbass und Fade’s typisch crisper Percussion. Die Flip Face Off ist eine spannungsgeladene Ganzkörperoszillation, die melodisch vom Blues und rhythmisch von der Achtelnote zehrt. Beide aber eint der individuelle und konzessionslose Approach, mit dem der Soundschrauber aus Kiew sein Schaffen angeht; eine Herangehensweise freilich, bei der Fragen nach heute und morgen gar nicht so wichtig sind.

Fade – Raw Deal / Face Off (Faded Music) – https://soundcloud.com/fadedmusic-1/fade-raw-deal-faded-music-001, https://soundcloud.com/fadedmusic-1/fade-face-off-faded-music-001

Auch das Brightoner Duo Fearful ist diese Woche wieder mit von der Partie und präsentiert mit Santura und Gorilla zwei weitere wundervolle Vertreter ihrer Lord-Byron-trifft-Terminator-Ästhetik. Angereichert mit einer Prise bedachtvoller Melancholie  changiert das fette Santura zwischen brüllenden Quetschbässen und philosophischen Pads, und bietet damit endlich eine überzeugende Möglichkeit, auch in der wogenden Masse des Clubs über die Vergänglichkeit aller irdenen Existenz nachzusinnen – ohne dabei Rhythmus oder Stil zu verlieren. Gorilla ist anschließend so etwas wie die Antithese zum bedächtigen Denkdance; gleichsam stellt die ausgefeilte Komposition wohl einen Lösungsansatz aus crispen Breaks und fluffy Bass dar. Man muss aber weder Dichter noch Denker sein, um an dieser gehaltvollen Single Gefallen zu finden – ein offenes Ohr und ein wenig Weltschmerz reichen völlig aus.

Fearful – Santura / Gorilla (Automate Recordings) – https://soundcloud.com/automate-dnb/sets/am8t002

Wie all die Kreationisten auf Shogun Audio’s Evolution Series reagieren bleibt trotz intensiver Recherche uneruierbar; jedenfalls geht die EP-Reihe mittlerweile in die vierte Runde und vereint wiedereins vier Tracks von sieben Künstlern unter dem farbenfrohen Banner der Großstadt. Den Anfang machen diesmal Optiv & BTK, die zusammen mit Sam Wills das im ersten Moment unheimlich einnehmende Understand verfertigt haben. Auf den zweiten Blick allerdings wundert es dann doch, wie Optiv & BTK immer noch mit ihrem klassischen, allbekannten Drumset und Break dahinfahren können; wieso sie die unvermittelte und brutale Bassdrumroll gleich viermal einbauen; und wie sich hinter dem angenehmen Trancepad und Sam Wills zunehmend redundanter ‚Do you understand?‘-Frage die lose Faktur des zwar fetten aber leider orientierungslosen Tracks zu verstecken sucht. Auch Evolution-Dauergast The Prototypes haben ein Lied beigesteuert, das nicht unbedingt in eine bestimmte Richtung zeigt. Interessant ist Blackout in seiner Mischung aus altdeutschem Neurofunk und zeitgemäßer Überladungspsychose dennoch, und mit seinen Block Control-Reminiszenzen fällt es schwer, die notwendige kritische Distanz nicht gleich völlig in Sympathieschwällen zu ersäufen. Die meiner Ansicht nach Spitze dieser Evolution ist Icicle’s Timer, eine wunderbar schrullige und im besten Sinne rücksichtslose Reise durch Räume und Zeiten, voller Überraschungen und mit himmlisch hohem Groovefaktor. Dass jede natürliche Entwicklung auch Nebenprodukte hervorbringt, davon kann man sich bei Technimatics abschließenden Harmoniebad Solace überzeugen. Aber wer nicht ans Christkind glaubt, der wird sich auch hier nicht weiter wundern.

Optiv, BTK, Sam Wills, The Prototypes, ID, Icicle, Technimatic – Shogun Audio Evolution EP Series 4 (Shogun Audio) – https://soundcloud.com/optiv/optiv-btk-understand-feat-sam, https://soundcloud.com/theprototypes/the-prototypes-2, http://www.youtube.com/watch?v=OO69NHAcga4, http://www.youtube.com/watch?v=Lpx88ScbNxc

Noisia – Block Control (Moving Shadow, 2005) – http://www.youtube.com/watch?v=Gv6KHImHXIE

Auch für alle Freunde des technoiden Geschichtenerzählens gibt es wieder große Neuigkeiten: Ruffhouse melden sich mit ihrer dritten Single wieder und haben abermals zwei kleine Offenbarungen im Gepäck – vorausgesetzt man hat die Muße, sich auf die Epen des Trios aus Bristol einzulassen, denn wie so oft bei guter Musik scheiden sich hier die Geister zwischen hypnotisiertem Durchschreiten mikroskopischer Veränderungen und makroskopischer Galaxien, und der tumben Langeweile des Empfindungslosen. Glücklicherweise scheren sich Ruffhouse selbst nicht sonderlich um die Zugänglichkeit ihrer Opera, und offerieren auf Demand und Division III zwei weitere Tauchgänge in die dunklen Tiefen ihrer Klangwelten. Zeit ist dabei der wesentliche Faktor ihrer bei aller Technolastigkeit organischen Soundwesen, und niemals entsteht der Eindruck, die musikalischen Prozesse würden einer anderen als der ihnen immanenten Logik und Entwicklung folgen: so dauert es z.B. beinahe vier Minuten, bis Demand auf den Punkt kommt – ohne dass man die Zeit davor als Intro abtun könnte. Bei der fortwährend aufbauenden Hallorgie Division III kann man von so einem Punkt gar nicht mehr sprechen, dergestalt ineinander verzahnt sind die verschiedenen pulsierenden Ebenen. Auf das Fundament ist dabei stets Verlass, und falls einem die wabernden Warehouse-Bleeps und meterlangen Hallfahnen zu Kopfe steigen, hat man immer noch das unermüdliche Pochen der Bassdrum zum Festhalten. Ratsamer und angenehmer ist es natürlich, Ruffhouse einfach zu vertrauen. Dann nämlich kann man sich mit ihren Sounds ganz schön auf die Reise begeben.

Ruffhouse – Demand / Division III (Ingredients Records) – https://soundcloud.com/ruffhouse-1/ruffhouse-demand-ingredients, https://soundcloud.com/ruffhouse-1/ruffhouse-division-iii

Adventus tympani: http://www.facebook.com/Subsphere

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